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Allversöhnung oder Endgericht (Peter Rostan)

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Inhaltsverzeichnis



...auf jeden Fall „zu guter Letzt“ und nicht „zu böser Letzt“!

Das Gewimmel von nackten Menschen gehört zu den berühmtesten Kunstwerken Europas. Michelangelos riesiges Gemälde hat schon viele in Staunen versetzt. Es stellt das Weltgericht dar*. Oben die geretteten Seelen auf dem Weg zur ewigen Seligkeit, unten die Verdammten auf dem Weg zur ewigen Hölle. Im Zentrum thront Christus, der Weltenrichter. Am Ende der Zeit trifft er die große Ent-Scheidung. Er scheidet Gut und Böse voneinander, damit endlich eindeutige Verhältnisse entstehen. Nur, wo bleibt Gottes Liebe?

Ganz anders sieht es der alte Grieche Origenes. Als Religionsphilosoph der antiken Christenheit konnte er den Gedanken nicht ertragen, dass am Ende der Zeit die große Trennung kommt. Wenn Gott sich durchsetzt, dann kann es anschließend nichts mehr neben ihm geben. Anstelle von Himmel und Hölle lehrte Origines deshalb die „Wiederbringung aller Dinge“. Gott wird einmal sein „alles in allem“ (1.Kor 15,28), sonst wäre sein Gottsein nicht philosophisch korrekt. Die Ein-Heit Gottes war für Origines wichtiger als seine Ein-Deutigkeit. Nur, können wir Gott in ein philosophisches System sperren?

Heute kreist die Frage nach den letzten Dingen eher darum, was denn in der Kirche politisch korrekt ist. Für die einen steht und fällt der Himmel damit, dass es auch eine Hölle gibt – wofür lohnt sich sonst der ganze Missionsstress? Für die anderen gilt bereits die Erwähnung einer Hölle als unanständige Drohgebärde, die man schon aus purer Höflichkeit bitteschön unterlassen sollte…

Dass es ein Endgericht gibt, steht biblisch außer Frage…

Das Neue Testament spricht von einer kommenden Zeitenwende, auf die unsere Welt wie auch unser persönliches Leben zusteuert. Erst die Zeit, dann die Ewigkeit. Dieses „apokalyptische“ Weltbild unterscheidet sich deutlich vom Weltbild der fernöstlichen Religionen, die von einem ewigen Kreislauf ausgehen. Nun sind sich die neutestamentlichen Autoren einig, dass vor der letzten Wirklichkeit (= „Ewigkeit“) das Endgericht kommt, gewissermaßen als vorletzte Wirklichkeit. Gott wird in ihm sein Recht durchsetzen. Er schließt mit dem Weltgericht die Weltgeschichte ab, wobei er darin die Heiligkeit und Reinheit seines Gesetzes zur Geltung bringen wird.

… auch die Kriterien sind klar!

Urteilskriterium dieses Gerichtes ist ohne Abstriche das gelebte Leben eines Menschen. Alle Gedanken, Worte und Taten und alle Versäumnisse (vgl. Mt 25,42!) werden offengelegt. Nicht der Glaube, sondern die Werke werden im Endgericht geprüft. Gott lässt nicht fünf gerade sein, sondern deckt kompromisslos auf, was Sache ist. Soweit ist sich das Neue Testament einig (vgl. Röm 2,6 und Jak 2,22). Wir sollten diese Botschaft deshalb niemandem vorenthalten. Ohne das Gericht würden womöglich die Hitlers, Stalins und Maos der Weltgeschichte auf ewig Recht behalten!

… nur, wie geht es aus?

Strittig im Neuen Testament ist nur die Frage, wie das Ergebnis dieses Gerichtes sein wird. Manche neutestamentlichen Autoren gehen davon aus, dass ein harter Kern der Gerechten übrigbleiben wird, der am Ende mit dem Eintritt in den Himmel belohnt werden wird. Paulus denkt dagegen weit radikaler: das Endgericht wird die ganze Menschheit als unrein entlarven. Die einen sind schlimmer, die anderen weniger, aber letztlich kann kein Mensch durch sein gelebtes Leben vor der Reinheit Gottes bestehen (Röm 3,23). Das Ergebnis des Gerichtes wird lauten: schuldig! Ausnahmslos alle sind totgeweiht.

Aber durch einen neuen ersten Schöpfungstag öffnet sich der Himmel. Nach dem Endgericht, dem letzten Tag der alten Zeit, beginnt Gott den ersten Tag seiner Ewigkeit mit einer Neuschöpfung. So beginnt der Himmel – nicht durch die Vollendung des Gesetzes, sondern durch den Neuanfang des Evangeliums! Er wird die Menschen neu aus dem Nichts ins Sein rufen. Er wird sie ansprechen, obwohl er sie verdammen könnte. Es wird derselbe Ruf sein, mit dem Jesus seine Jünger berufen hat und von dem wir uns als Christen anreden lassen, wenn wir zum Glauben kommen.

Wird Jesus Christus am Jüngsten Tag nur die Seinen oder alle rufen? Ich weiß es nicht. Das Neue Testament gibt darüber keine klare Auskunft. Christus hat alle Menschen mit Gott versöhnt (Kol 1,20). Daraus ein philosophisches Prinzip der Allversöhnung zu machen, steht uns nicht zu. „Aber ich kann’s mir gut vorstellen, dass er so handeln wird, so wie ich meinen HERRN kenne“, höre ich noch einen über achtzigjährigen Seelsorger augenzwinkernd zu mir sagen. Ich würde mich freuen, wenn er recht hat.

Peter Rostan, Pfarrer in Dettingen/Erms, rostan@gmx.de

  • zu finden in der Sixtinischen Kapelle im Vatikanischen Museum unter www.vatican.va