Persönliche Werkzeuge


Als die Zweifel kamen (Christian Hilk , 2010)

aus 18plus, alles für die Arbeit mit jungen Erwachsenen

»Als Jungscharleiter musst Du Vorbild sein«, hatte man mir gesagt. Und ich war Vorbild!

Ich kam pünktlich zur Gruppenstunde, war gut vorbereitet und habe mich brav und artig verhalten, so dass sich kein Jungscharler zu irgendwelchen Dummheiten angestiftet fühlen konnte. Doch dann kamen SIE: die Zweifel.



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Als Kind war alles klar: Der liebe Gott, der die Welt in exakt 216 Stunden geschaffen hat. Der mich lieb hat und auf mich aufpasst. Doch dann als Jugendlicher tat ich, was man in der Pubertät nun mal macht: Ich stellte in Frage, womit ich aufgewachsen war. Das war keine böse Absicht. Ich wollte nicht zweifeln. Ganz im Gegenteil, ich hatte ein tierisch schlechtes Gewissen. Aber die Zweifel waren da: »Gibt es Gott überhaupt? Oder sind das alles Hirngespinste?« Und das Schlimme: Sie ließen sich nicht einfach wegwischen. Zusammen mit den anderen Jungscharleitern ging ich in den Jugendkreis - der optimale Ort um solche Fragen zu diskutieren. Eigentlich. Nur habe ich mich nicht getraut. Ich war ja Vorbild. Was werden die Anderen denken, wenn ich jetzt solche Anfängerfragen stelle? Zweifel, die den Glauben grundsätzlich oder auch nur teilweise in Frage stellen, gelten unter Christen oft als Makel. Ein Makel, den es möglichst schnell zu beseitigen gilt, damit man wieder »richtig« glauben kann.

Als Negativbeispiel ist Thomas in die Geschichte eingegangen, der die Auferstehung nicht glauben wollte und dann von Jesus so richtig runtergeputzt wurde: »Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!« (Joh. 20,29). Fakt ist, dass jeder Christ früher oder später einmal zweifelt. Das ist auch gut so. Denn beim Glauben geht es nicht darum, das Hirn auszuschalten und alles unreflektiert anzunehmen. Das wäre ein Glaube, der bestenfalls in guten Zeiten funktioniert. Wenn ich meine Zweifel unter den Teppich kehre, dann bekommt der Teppich Beulen. Genau über diese Beulen werde ich fallen, wenn es hart auf hart kommt. Nur wer sich seinen Zweifeln stellt, wer ehrlich um Antworten ringt, dem kann der Glaube auch in einer Krise Stütze sein. Wer seine Fragen und Zweifel einfach wegschiebt, der nimmt sich selbst nicht ernst und - noch viel schlimmer - der nimmt auch Gott nicht ernst. Gott ist so groß, dass es seiner Größe keinen Abbruch tut, wenn ich ihn in Frage stelle. Aber ich stelle seine Größe in Frage, wenn ich meine, das nicht tun zu dürfen. Heute versuche ich Räume zu schaffen, in denen Jugendliche ihre Fragen stellen können. Für mich waren es die Gespräche mit einem älteren Mitarbeiter, die mir die Antworten gegeben haben, die ich damals gesucht habe. Solche Menschen brauchen unsere Jugendlichen. Menschen, die sie begleiten. Die ihre Fragen aushalten und den Weg mitgehen. Menschen, die keine schnellen Antworten liefern, sondern helfen, die richtigen Fragen zu stellen, um eigene Antworten zu finden.

Zweifel habe ich auch heute noch immer mal wieder. Andere als damals. Und ich habe kein schlechtes Gewissen mehr dabei. Ich weiß mich von Gott angenommen und geliebt, auch wenn ich kritische Fragen stelle. Er hat dafür Verständnis: Denn heute lese ich die Thomas-Geschichte anders. Ich bin überzeugt, dass Jesus Thomas keine Vorwürfe macht, sondern im Blick auf die, die nach ihm kommen (also auf uns) in liebevollem Verständnis sagt: »Thomas, du glaubst mir, weil du mich sehen konntest. Aber wie schwer werden es erst die haben, die mich nicht sehen können?« Heute mute ich meine Anfragen anderen zu. Ich versuche offen zu sein und erlebe immer wieder, dass Menschen sich dann auch öffnen.

Heute gehört das Ansprechen der eigenen Zweifel für mich zum Vorbildsein dazu.