Anything goes - Christlicher Glaube im Konzert der Religionen (Peter Rostan)
aus 18plus, alles für die Arbeit mit jungen Erwachsenen
| Anything goes - Christlicher Glaube im Konzert der Religionen | |
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| Autor | Peter Rostan |
| Erscheinungsdatum | |
| Publikation | 18plus |
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Lizenzbestimmungen: Alle Rechte vorbehalten.
Inhaltsverzeichnis |
"Religion ist Geschmackssache".
Und über Geschmack soll man nicht streiten. Du stehst auf christlich-bemüht. Ein anderer bevorzugt fernöstlich-sanft, der nächste islamisch-steil und wieder ein anderer atheistisch-kühl. Wo ist das Problem? Dir würde doch auch nicht einfallen, jetzt aufzustehen und den Typen am Nachbartisch anzusprechen, bloß weil er eine süß-glibberige Berliner Weiße im Glas hat. Wer’s mag…!”.
Das Gespräch im Straßencafé am Kuhdamm liegt schon ein paar Jahre zurück. Aber die Argumentation meines Tischnachbarn, dem vorher meine fromme Stofftasche aufgefallen war, ist nach wie vor dran. Ich konnte und kann ihn gut verstehen. Die Zeit der stiernäcki¬gen, schwitzenden Kämpfer für das Christentum ist (hoffentlich) endgültig vorbei. Niemand sollte sich anmaßen, in einen heiligen Krieg gegen Andersgläubige zu ziehen.
Nur, die entscheidende Frage bleibt dabei offen. Gibt’s so etwas wie den richtigen, einzig wahren Glauben? Gibt’s eine letztgültige Wahrheit, die für alle Menschen gilt? Religion ist schließlich nicht nur Geschmackssache. Sie ist, wenn man sie ernst nimmt, vor allem eine Wahrheitssache. Was gilt? Was ist wahr?
Religiöse Erlebnisse sind immer subjektiv Die Frage nach der Wahrheit hat’s in sich. Ich komme nicht weiter, wenn ich darauf schaue, wo’s die spektakulärsten Wunder, die überzeugtesten Anhänger, die glaubwürdigsten Spender oder die stärksten sonstwie religiösen Vibrationen gibt. Wer eine allgemeingültige, eben wahre Aussage über den Menschen machen will, der braucht mehr als nur irgendwelche Meinungsumfragen. Er benötigt einen objektiven Beobachterpunkt von außen. Und den gibt’s nicht. Keiner kann mit religiösen Fragen umgehen wie mit chemischen Substanzen. Uns fehlt das Labor für den religiösen Beweis. Ich bin nie reiner Beobachter, sondern sitze immer mit drin im Reagenzglas. Ich beeinflusse das Versuchsergebnis durch mein Vorverständnis. Gott lässt sich nicht wissenschaftlich beweisen.
Gott – auch nur subjektiv?
Nun kann man das Dilemma elegant umschiffen und aus der Not eine Tugend machen. Dann heißt es: “Wenn Religion nur subjektiv erlebt werden kann, dann ist Gott eben subjektiv. Einen wahren, absoluten Gott gibt es gar nicht, das ‚Göttliche‘ liegt im Menschen und in seinen Empfindungen”. Wenn einer dann von sich behauptet, er bezeuge die “Wahrheit”, dann geht er zu weit. Er drückt anderen seine privaten Erlebnisse aufs Auge und merkt dabei gar nicht, wie schnell die Grenze zur Ideologie erreicht ist. Mission als spiritueller Faschismus, ich oben – die anderen unten. Wer anders denkt und empfindet, muss möglichst schnell “christianisiert” werden…
Dieser kritische Schuss vor den Bug ist leider allzu oft berechtigt. Wir Christen müssen uns die Frage wohl oder übel gefallen lassen, wieweit sich in manchen unserer missionarischen Bemühungen nur ein religiös verbrämtes Überlegenheits¬gefühl breit macht.
Nur: die Wahrheitsfrage ist damit noch nicht erledigt. Was gilt denn nun? Selbst der vermeintlich tolerante Spruch “Alles ist subjektiv, eine für alle gültige Religion gibt’s nicht” ist eine religiöse Behauptung, die sich nicht beweisen läßt…
Offenbarung und Ohnmacht
Die Bibel gibt den Christen zwei Antworten vor, an denen wir nicht vorbeikommen. Wie ein Bild, das an zwei Nägeln hängt, sind für unsere Haltung zur Wahrheitsfrage beide biblische Aussagen wichtig. Wenn ein Nagel herausgezogen wird, hängt das Bild schief oder stürzt ab:
- Zum einen hängt unser Glaube an der Behauptung, dass Gott redet! Er ist nicht nur eine stumme übermenschliche Macht, die durch religiöse Erlebnisse subjektiv heraufbeschworen wird, sondern er hat sich an einem konkreten Ort, in einem konkreten Volk und in einer konkreten Geschichte uns Menschen gezeigt. Die Theologen nennen das “Offenbarung”. Natürlich gibt’s beim Eintritt Gottes in Raum und Zeit gleich auch subjektive Erlebnisse, die so oder so gedeutet werden können. Besonders das Alte Testament ist voll von internen Diskussionen über das, was denn nun als “Wort Gottes” zu gelten hat. Aber dass hinter allem eine Offenbarung steckt, daran gibt’s nichts zu deuteln. Mit dieser Behauptung wird’s auch nie eine Übereinkunft mit anderen, konkurrierenden Offenbarungsreligionen geben. Viele Aussagen von Christentum und Islam schließen sich gegenseitig aus. Ein Sowohl-als-auch-Denken ist in Offenbarungsreligionen theologischer Nonsens. Wenn von dem Gott der Bibel behauptet wird, er sei der Schöpfer des Universums, dann haben die Aussagen über ihn auch für die Menschen jenseits des christlichen Abendlands Bedeutung – ob sie’s wahr haben wollen oder nicht.
- Aber es gibt auch noch den anderen Nagel, an dem unser christlicher Glaube hängt: Die biblische Offenbarung mündet in Jesus Christus, dem Gekreuzigten. Auf Golgatha spielt sich etwas entscheidend anderes ab als in den Allmachts-Phantasien mancher Religionsfanatiker. Gott drückt sich nicht durch mit seiner Offenbarung. Er schlägt niemandem seine Botschaft um die Ohren, sondern lässt sich selbst schlagen und demütigen. Er kommt zu uns als Mensch und wirbt ganz schlicht um unser Vertrauen. Er lässt sich darauf ein, dass er damit von vornherein verwechselbar ist. Die drei Weisen aus dem Morgenland brauchten Zeit, bis sie den Stall von Bethlehem gefunden hatten. Gott hat ihnen den Retter der Welt nicht mit Donner und Getöse aufgedrückt.
Einander die Füße waschen, nicht den Kopf
Wir Christen bekommen darin eine Spur gelegt, wie wir mit anderen umgehen sollen: Freundlich werbend – und zugleich überzeugt davon, dass in Jesus nicht nur die eigene Psyche in Wallung kam, sondern Gott gesprochen hat. Wer vom Geheimnis des Kreuzes Jesu fasziniert ist, der kann gar nicht anders, als anderen davon weiterzuerzählen – aber ohne Druck und erst recht ohne Überlegenheitsgefühl. Religiöse Selbstdarstellung und die Wahrheit Jesu verhalten sich zueinander wie Feuer und Wasser. Wer von Jesus redet, sollte die fromme Keule zuhause lassen. Sonst kann es schnell passieren, dass aus dem lebendigen Gott ein toter Privatgötze wird. In diesem Sinn ist Religion tatsächlich Geschmackssache – und es wird Zeit, über schlechten Geschmack zu streiten!
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