Bist du erwachsen (Michael Götz, 2002)
aus 18plus, alles für die Arbeit mit jungen Erwachsenen
„Niemand weiß mehr so recht, was das ist, ein Erwachsener.“ Z.B. in dem Artikel „die schwierige Kunst, ein Erwachsener zu sein“ von Ursula Huber (Psychologie heute April 2001) wird genau diese Unsicherheit benannt. Es heißt dort: Für das Erwachsen-werden gibt es keine allgemeingültige Antworten mehr. Wir müssen in einer unübersichtlichen Zeit selber entdecken, was das heißt „erwachsen zu werden“, welche Kompetenzen ich für die Herausforderungen des vor mir stehenden Lebens benötige.
| Bist du erwachsen? | |
|---|---|
| Autor | Michael Götz |
| Erscheinungsdatum | 2002 |
| Publikation | 18plus |
| Kategorien | |
Lizenzbestimmungen: Alle Rechte vorbehalten.
Inhaltsverzeichnis |
Umbrien, Junge-Erwachsenen-Freizeit, September 2002 - Alex zupft den letzten Ton auf der Gitarre. Ich stehe auf und frage ohne Vorwarnung in die Runde: „Fühlst du dich erwachsen? Bist du erwachsen?“ Die fünfzig jungen Erwachsenen zwischen 17 und 36 Jahren schauen mich erstaunt an. Die Antworten auf direktes Nachfragen sind sehr unterschiedlich. Eines haben sie gemeinsam, sie sind allesamt unsicher.
- „Mmh, nein, ich fühle mich noch nicht reif genug, um das mit einem klaren ´ja` zu beantworten.“
- „Ja, für mich fühle ich mich schon erwachsen, doch wo liegen die Kriterien? Ein anderer findet mich vielleicht noch nicht erwachsen.“
- „Ja und nein. In manchen Bereichen meines Lebens fühle ich mich schon erwachsen, in anderen nicht. Im Job stehe ich meine Frau. Familiär bin ich noch auf der Suche nach dem richtigen Partner. Von daher kann ich da noch nicht sagen, dass ich erwachsen bin.“
- „Nein, ich will noch gar nicht erwachsen sein. Das klingt für mich nach „fertig sein“. Mit meiner Persönlichkeit möchte ich nie fertig sein.“
- „Ja, ich bin erwachsen, mindestens bin ich voll für mich verantwortlich – vor dem Gesetzgeber, den Menschen gegenüber, in meinem Job.“
Die Antworten stimmen überraschend genau mit den Artikeln überein, die ich bis dato gelesen hatte. „Niemand weiß mehr so recht, was das ist, ein Erwachsener.“ Z.B. in dem Artikel „die schwierige Kunst, ein Erwachsener zu sein“ von Ursula Huber (Psychologie heute April 2001) wird genau diese Unsicherheit benannt. Es heißt dort: Für das Erwachsen-werden gibt es keine allgemeingültige Antworten mehr. Wir müssen in einer unübersichtlichen Zeit selber entdecken, was das heißt „erwachsen zu werden“, welche Kompetenzen ich für die Herausforderungen des vor mir stehenden Lebens benötige. Es ist vorbei mit den geradlinigen Lebensläufen, die das Leben übersichtlicher gemacht haben: Schule, Beruf, Heirat, Familie - jetzt bin ich erwachsen. Durch ständige Neuorientierungen und Fortbildungen im Beruf, durch sich häufig nach dem Chaos-Prinzip entwickelnde Familienstrukturen lösen sich die geradlinigen Wege auf. Biographien haben nur noch die eine Gemeinsamkeit, daß sie eben keine mehr haben. So bunt wie der unübersichtlich, uferlose Zeitschriften- und Zeitungsstand am Bahnhofskiosk, so bunt und unterschiedlich sind die Lebensentwürfe.
- Der eine ist mit 24 verheiratet, hat zwei Kinder, arbeitet seit dem 16. Lebensjahr als Schreiner, hat ein Reihenhaus gekauft und spielt seit der E-Jugend im Fußballverein des Vorortes einer Großstadt.
- Die andere hat mit 24 gerade ihren zweiten Studiengang nach einem Auslandsjahr in Südafrika geschmissen, hat keinen festen Partner und fühlt sich noch absolut unreif, um eine Familie zu gründen. Sie lebt in einer WG und finanziert sich durch Jobs und ihre Eltern.
- Der andere hat mit 24 sich vor vier Monaten nach zwei Jahren Ehe von seiner Frau getrennt. Sein Job als Fernfahrer steht auf der Kippe, da rationalisiert werden soll und die Jungen die ersten sind, die gehen müssen.
- Die andere ist mit abgeschlossenem Studium 24 und seit drei Monaten Abteilungsleiterin bei einem großen Konzern im Marketingbereich auf einem verantwortungsvollen, sehr gut bezahlten Job. Sie lebt mit einem festen Partner seit zwei Jahren zusammen.
Und das Alter 24 können wir beliebig mit 22, 28 oder 35 Jahren ersetzen. Und aus all diesen Feststellungen ergibt sich eine einzige Frage:
Was heißt dann „erwachsen“?
Das Wort stammt von dem Begriff „aufhören zu wachsen“. Körperlich tut dies der eine mit 13, der andere mit 18. Doch seelisch, sowie kognitiv (die Erkenntnis betreffend) und emotional ist das Leben ein ständiger Fluß. Von daher können wir „erwachsen sein“ von verschiedenen Seiten beschreiben und jedes Mal ist es richtig. Ein paar Versuche:
„Ich bin erwachsen, weil ich die Verantwortung für mein Leben trage.“
Der Gesetzgeber hat mit einer dreijährigen Übergangsphase zwischen 18 und 21 Jahren beschlossen, daß der Mensch für seine Taten voll zur Verantwortung zu ziehen ist. Mit 18 ist man volljährig und voll geschäftsfähig. Doch nicht nur die vom Gesetzgeber vorgegebenen Fakten, sondern die Stück für Stück zu übernehmende Verantwortung, die die Erziehungsberechtigten in den ersten Lebensjahren für mich als Kind und Teenager getragen haben, kennzeichnet den Beginn des Erwachsenenlebens. Die äußere und innere Ablösung ist ein notwendiger und oft nicht ganz schmerzloser und unkomplizierter Schritt. Gerade dort wo Bindungen zwischen jungen Erwachsenen und den Eltern besonders gut und intensiv sind, aber auch dort wo langfristig krankmachende Abhängigkeiten bestehen, fällt dies schwer.
- Eine Alleinerziehende hat – wie sie selbst sagt - ihre Tochter als „beste Freundin“. Mit ihr hat sie über Jahre Dinge besprochen, die sie mit dem Partner beraten hätte, wenn dieser vorhanden gewesen wäre. Es braucht viel Energie für beide – Mutter wie Tochter – diese Beziehung loszulösen, damit die Tochter die Chance hat, ihren eigenen Weg zu gehen – erwachsen zu werden. Die Mutter wird diese Lösung emotional ähnlich wie eine Scheidung zu verkraften haben.
- Eine fünfköpfige Familie versteht sich vorbildlich gut. Es besteht keine Notwendigkeit für den Ältesten, den 23-jährigen Sohn, auszuziehen, da er in der Stadt studiert und keine feste Partnerschaft hat. Um erwachsen zu werden, d.h. zu lernen, volle Verantwortung zu übernehmen, ist aber eine Loslösung notwendig.
- Eine Ehefrau fühlt sich von ihrem Mann permanent nicht verstanden und wendet sich an den heranwachsenden Sohn mit ihren Problemen. Oder umgekehrt: der Sohn versteht sich mit seinem Vater absolut nicht. Eine intensive Beziehung entsteht zwischen ihm und seiner Mutter, die schwer zu lösen ist.
Und so gibt es unzählige Geschichten von Bindungen und jeder hat eine eigene, die gelöst werden muß, damit der junge Erwachsene lernt, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen, d.h. selbständig Entscheidungen treffen, einen eigenen Lebensstil entwickeln, den eigenen Tagesrhytmus finden... . Hier hilft ungemein, wenn schon während der Erziehung die Eltern darauf geachtet haben, den Heranwachsenden zunehmend Verantwortung zu übertragen.
Das „sich von zu Hause ablösen“ bleibt über die erste gefundene Unabhängigkeit in der Regel ein lebenslanger Prozess, da die Prägungen aus der Kindheit und Jugendzeit ein lebenslanges Thema bleiben, selbst wenn die Eltern sogar nicht mehr am Leben sind. „Wie gestalte ich mein Leben? Was will ich übernehmen, wie es meine Eltern getan haben, was nicht, warum denke und handele ich jetzt so, welche Kompromisse muß ich mit einem Partner finden ...?“ bleiben Fragen, die nie zu Ende beantwortet sind. Und gerade bei neuen Lebensabschnitten droht immer wieder das Zurückfallen auf kindheitliche Verhaltensweisen, das erneute Abgeben von Verantwortung.
- Wenn das erste Kind in einer Familie auf die Welt kommt, dann beginnt oft nochmals ein ähnlicher Kampf wie beim ersten Auszug. Nicht selten fühlen sich die Großeltern kompetenter als die Eltern in der Erziehung der Kinder und es bedarf viel Energie hier die Verantwortlichkeiten zu klären.
- Ein junger Erwachsener gerät in eine Krise – beruflich, gesundheitlich, finanziell oder der Zerbruch einer Beziehung. Schön ist es, wenn hier Eltern helfen eine Situation aufzufangen. Und doch muß nach einer „1.Hilfe“ wieder voneinander der richtige Abstand eingenommen werden, damit nicht wieder neue Abhängigkeiten entstehen.
Doch nicht nur die Loslösung von den Eltern ist ein ständig zu bedenkender Prozess, sondern es gibt unzählige Formen der Verweigerung von Verantwortungsübernahme für das eigene Leben.
- Wie weit ist eine Ehe evtl. die Flucht davor, selbst Verantwortung für das Leben zu übernehmen und stattdessen dies gleich einem Partner zu übertragen? Oder auch eine sehr früh eingegangen feste Beziehung evtl. schon im Teenageralter?
- Wie kann ein falsch verstandener Glaube an Jesus Christus zur Verweigerung von Verantwortung führen? Wenn ich z.B. keine eigenen Entscheidungen treffen kann oder will und dann Jesus herhalten muß, für mich zu entscheiden. Dies klingt dann zwar ungemein fromm, ist aber oft die unreife Verweigerung von Verantwortungsübernahme.
- Wie kann „geistliche Vater- und Mutterschaft“ in die Abhängigkeit und Unmündigkeit führen? Auch hier bedarf es unbedingt des Ablöseprozesses zwischen denen, die zum Glauben geführt und diesen geprägt haben, und denen, die als Teenager oder junge Erwachsene dort zum Glauben gekommen sind. Warum? Weil geistliche Väter und Mütter immer dazu neigen, problematische Fragestellungen des Glaubens zu glätten, für den anderen zu beantworten, ihm die eigene Antwort ersparen und das führt in einen unechten, aufgesetzten Glauben.
Dies sind immer wieder Fragen, die in Gesprächen mit jungen Erwachsenen zum Thema werden. Und hier empfiehlt sich eine Wanderzeit, wie es die Wandergesellen uns heute noch vormachen. Nicht näher als 50 km an ihre Heimat dürfen sie für drei Jahre kommen – wenn auch etwas gesetzlich, doch eine hilfreiche Regel. Zivildienst, soziales Jahr, Aupair im Ausland, Bibelschulen, Missio-Center ... und viele andere Möglichkeiten gibt es heute, um von zu Hause ohne große Probleme wegzugehen, sich unter mancher Geburtswehe neu zu orientieren, um den eigenen Weg zu finden. Viele nutzen dies und das ist gut. Die davor Angst haben, laßt uns ermutigen: „Pack deinen Koffer, geh weg – und wenn nur für ein Jahr und dann entscheide, ob du wieder kommen willst.“
„Ich bin erwachsen, weil ich Kompetenzen besitze, die mich lebensfähig machen.“
Und diese Kompetenzen können ganz unterschiedlich aussehen. Das habe ich überraschend beim Vergleich von Heiligenbiographien mit dem Artikel aus „Psychologie heute“ entdeckt. Klingt etwas abgedreht - wie das?
Am Ende des „Psychologie heute“ - Artikels steht eine umfangreiche Liste von Eigenschaften, die ein Erwachsener benötigt: Selbstvertrauen, interessiert und objektiv zuhören können, Kritik ertragen und üben können, zukunftsorientiert sein, „nein“ sagen können ... . Eine respektable Liste, die natürlich ein Menschenbild und auch die Vorstellung von einem gelingenden Leben mit sich transportiert, ohne dies genau zu benennen. Aufgefallen ist mir dies, weil ich für die Umbrien-Freizeit in diesem Sommer die Heiligenbiographien von Benedikt von Nursia, Klara und Franziskus von Assisi unter dem Gesichtspunkt „Was können sie uns über das Erwachsen-werden sagen?“ untersucht habe. Und prompt habe ich zusätzlich zu vielen deckungsgleichen Eigenschaften eine Palette anderer Kompetenzen entdeckt, die in „Psychologie heute“ nicht standen. Warum? Weil bei Franziskus, Benedikt und Klara ein ganz anderes Menschenbild und eine andere Vorstellung von gelingendem Leben vorliegt. Z.B. daß das Finden einer Beziehung zu Gott der Schlüssel für das Leben ist, weil hier die Grundfragen des Menschseins beantwortet werden. Alle Biographien sind begründet in der festen Überzeugung, daß einem Menschen das Wesentliche fehlt, wenn er nicht entdeckt, daß Gott uns in Jesus Christus gesucht und gefunden hat. Und von daher bin ich vorsichtig geworden in der Beschreibung von „unbedingt notwendigen“ Kompetenzen, um erwachsen zu werden. Ein Psychologe legt hier manch andere Kriterien an wie ein Physiker, Angestellter oder Arbeiter - ein Europäer andere als ein Afrikaner oder Asiat. Doch wichtig ist es – und das gehört dann zum Erwachsen-werden – festzustellen, was ich an Kompetenzen besitze und welchem Weltbild ich verpflichtet mein Leben gestalte.
- einem Weltbild, welches meinem Leben ein Grundmuster gibt, an welchem ich mich orientiere – sei es an einem robusten Materialismus, einem pragmatisch-humanistischen Idealismus, einem an Nichts glaubenden Nihilismus, dem Glauben an Jesus Christus oder, oder ... .
- einem Weltbild, welches die Auswahl von Kompetenzen bestimmt, die ich für wichtig erachte.
„Ich bin erwachsen, weil ich weiß, warum ich lebe.“
Ein Materialist wird andere Kritierien für das Erwachsen-Sein benennen als ein auf Christus vertrauender Mensch. Diese Kernbedeutung von Religion und Philosophie ist in der ganzen Wertedebatte, die z.Zt. geführt wird, kaum zu hören. Es wird über Ethik, die Lehre des sittlichen Handelns, geredet (mehr Respekt vor dem Anderen, Kritikfähigkeit, Teamfähigkeit ...) . Doch Ethik entsteht immer aus einem innewohnenden Weltbild – atheistisch, christlich oder anders religiös geprägt. In der ganzen Diskussion wird nur an der Oberfläche gekratzt. Und genau hier gibt es nicht nur unter jungen Erwachsenen ein großes Defizit, welches schon in der Kindheit und Jugendzeit wurzelt. In der Schule werden viele Fakten und auch anderes Wissen gelernt, doch die Grundbedeutung des Lebens bleibt unbeleuchtet. Die Kirche schafft es nur selten, Jugendliche dafür zu interessieren, und später im Jungen Erwachsenen Alter gibt es kaum Angebote mehr, über Sinn und Unsinn des Lebens zu debattieren. Auf der anderen Seite werden ohne Ende philosophisch-religiöse Wahrheiten und Unwahrheiten auf einer verschleierten, nicht offensichtlich wahrnehmbaren Ebene mit Hilfe von Werbung, Soaps, Filmen und anderen Medien in die Gehirne geblasen. Doch die selbständige Auseinandersetzung mit einem in der Werbung vermittelten Materialismus (Glück bedeutet, das richtige Waschmittel zu kaufen) oder einem in Filmen vermittelter religiös-idealistischen Ansatz (die Liebe zwischen Menschen ist der Sinn des Lebens – manchmal auch nur ein richtiger Orgasmus) bleibt fast vollständig aus. Den Wurzeln unserer Kultur beraubt taumeln sowohl junge Erwachsene als auch Erwachsene unter millionenfachem Beschuß von „Nebensächlichkeiten“ durch das Leben und lassen die Grundfragen des Menschseins einfach unbeantwortet bzw. stellen sich diesen nicht. Und genau hier müssen Flure geöffnet werden. Flure, auf denen wieder über die Grundbedeutung des Lebens und damit des Glaubens diskutiert wird.
- Flure, auf denen zugehört und gelauscht wird, welchen heimlichen Grundmustern des Lebens jeder einzelner vertraut.
- Flure, auf denen bezeugt wird, wie es gelingt in der Hingabe an Gott sich nicht zu verlieren, sondern sich zu finden.
- Flure, auf denen verkündigt wird, daß das Menschsein niemals bedeutet „fertig zu sein“, sondern bedeutet auf dem Weg zu Gott zu sein, der in Christus sich zu uns auf den Weg gemacht hat.
- Flure, auf denen dankbar entdeckt wird, daß die Welt, die Erde, alles, das Leben – hier und über den Tod hinaus – ein Geschenk Gottes ist.
- Flure, auf denen kritisch und ohne Angst besetzt an den Grundfesten des Lebens und des Glaubens gerüttelt wird, damit jeder zu einem persönlich, selbst gefundenen Weg findet.
- Flure, auf denen man sich selber nichts mehr vormachen muß und ehrlich den Bruch zwischen sich und Gott eingestehen kann – daß was die Bibel „Sünde“ nennt.
Und so muß sich Junge-Erwachsenen-Arbeit im CVJM in Zukunft daran messen lassen, solche Flure zu öffnen. Die Methoden dazu sind zweitrangig. Das Ziel ist klar.
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