Persönliche Werkzeuge


CUT Moderation zum Film "Good Bye, Lenin" (N.N.)

aus 18plus, alles für die Arbeit mit jungen Erwachsenen

Moderationstext zum Film "Good Bye, Lenin" Empfehlung: CUT - Kino einmal anders


Lizenzbestimmungen: Alle Rechte vorbehalten.



Inhaltsverzeichnis


Good Bye, Lenin!

Teil 1: Einführung

vor dem Start (DVD 0:00) [FILMMUSIK LÄUFT] [LICHT WIRD DUNKEL GEDIMMT] [MUSIK LÄUFT AUCH WEITER WÄHREND REDE, ABER LEISER]

Liebe Gäste,

heute Abend werden wir noch mal 15 bis 16 Jahre zurück versetzt. Hinein in den Moment, in dem hier in Deutschland Weltgeschichte passiert ist. Dem Mauerfall am 9.November 1989.

Politisch hieß das: das Ende vom kalten Krieg mit all seinen wahnwitzigen Abschreckungstheorien. Gott sei Dank.

Doch die mindestens genauso interessante Frage ist bis heute:

  • Was passierte bei all diesen Veränderungen mit – oder besser gesagt: in den Menschen?
  • Den Menschen in Ost- wie in Westdeutschland?
  • Kann man da überhaupt schon 15 Jahre später Aussagen darüber treffen?
  • Tausende von Minuten Dokumentarfilme, die in diesen 15 Jahren gedreht worden sind, scheinen nicht annähernd das auf den Punkt zu bringen, was da damals geschehen ist.
  • Haben wir nicht erlebt, dass dieses Thema so hochkomplex ist und wir als Involvierte so schwer klar sehen, was da eigentlich passiert ist?

Wolfgang Becker als Regisseur wagte sich trotz all dieser Bedenken im Jahr 2003 an das superkomplexe Thema „Wiedervereinigung“ heran. Und - er landete mit „Good Bye Lenin“ einen Kassenschlager. Er, der Drehbuchautor Bernd Lichtenberg und die Darsteller, Daniel Brühl vorne dran, heimsten Preise ohne Ende ein.

  • in neun Kategorien den Deutschen Filmpreis
  • in sechs Kategorien den europäischen Filmpreis
  • drei „Bambis“
  • den deutschen Drehbuchpreis
  • den Videopreis „Diva“
  • usw.

mehrere Preise im Ausland: in Frankreich den „Cesar“, in Spanien den „Goya“ – beide für den besten europäischen Film 2003.

In England, Frankreich und Israel ist er schon jetzt der erfolgreichste deutsche Film aller Zeiten.

Und mit dem Verkauf des Filmes in über 65 Ländern wurde er zum deutschen Film-Exportschlager Nummer 1 der letzten Jahre.

All diese Preise und die vielen Kinobesucher zeigen: Wolfgang Becker hat den Nerv der Menschen getroffen – und das nicht nur im In- sondern auch im Ausland.

Anhand einer fiktiven Geschichte der Ostberliner Familie Kerner gelingt es ihm in einer Nahaufnahme viele der Emotionen, Fragen, Siege und Niederlagen dieser so alles umwerfenden Tage in Erinnerung zu rufen.

Mehr noch: uns neu anzuregen, über Geschichte nachzudenken.

  • Über die große wie über die kleine Geschichte.
  • Über die politisch-soziale wie über die emotional-persönliche Dimension.
  • Und über die vielen Verbindungen zwischen diesen beiden Dimensionen in mir und bei anderen.

Und so ist Wolfgang Becker ein anspruchsvoller Kinofilm mit viel Herz und süffisantem Witz gelungen. Ein Film, der 117 Minuten auf dem Grat zwischen Komödie und Tragödie balanciert, ohne dabei in eine Richtung abzustürzen.

Am 7. Oktober 1989 erleidet Christiane Kerner einen Herzinfarkt und sie erwacht erst acht Monate später - nach dem Mauerfall - wieder aus dem Koma. Um sie zu schonen, beschließen ihre beiden Kinder, die neue politische Situation zu verheimlichen. Alex, der besonders stark an seiner Mutter hängt, will einfach jene "Normalität" fortsetzen, die vor ihrem Herzinfarkt gegolten hat. Er belebt für sie auf 79 Quadratmetern die DDR-Alltagskultur wieder.

(Zitat von Seite der Bundeszentrale für politische Bildung)

Als Chronist und Schöpfer der Geschichte sticht Alex unter den zahlreichen Protagonisten heraus. Und auf ihn wollen wir heute Abend unseren Focus richten.

Denn „Cut-Kino einmal anders“ bedeutet genau dies. Unter vielen Aspekten, die in einem solchen Film angestoßen werden, wählen wir uns einen bewusst aus. Über diesen wollen wir dann auch miteinander nach dem Film diskutieren.

Und damit der Film nicht nur an uns vorbei rauscht, gönnen wir uns mitten im Film drei Atempausen, drei so genannte „Cuts“. Pausen zum Nachdenken. Pausen mit ein paar Fragen, die helfen wollen das Gesehene zu vertiefen.

Und im Anschluss an den Film haben wir einen Gast eingeladen, den wir als Einstieg in die Gespräche interviewen wollen. Einen Gast, der in dieses Thema in besonderer Weise involviert ist. Damit die Spannung erhalten bleibt, stelle ich ihn euch erst nachher vor.

Aber jetzt noch mal zu Alex.

  • Schaut ihn euch bitte genau an!
  • Wie verändert sich Alex in dem Film?

In einer Filmkritik heißt es, dass Alex in diesem Film eine Menge gereift ist – ja erwachsen geworden ist – wenn man das so sagen kann.

  • Doch was heißt erwachsen werden?
  • Wo liegen hierfür die Kriterien?

Seht selbst, bildet euch eure eigene Meinung.


[FILM STARTET VON DVD UND MUSIK WIRD LEISER, GEHT AUS]

Teil 2: Unterbrechung CUT 1

Zeit DVD: 0:25:22 (DVD-Kapitel Ende 8)

RUINE BERLIN

Lara und Alex sitzen auf einer abgebrochenen Kante, rauchen einen Joint. „Der Wind der Veränderung blies bis in die Ruinen unserer Republik. Der Sommer kam und Berlin war der schönste Platz der Welt. Wir hatten das Gefühl im Mittelpunkt der Welt zu stehen. Und wir bewegten uns mit. Die Zukunft lag ungewiss in unseren Händen. Ungewiss und verheißungsvoll.“

Aufpassen! Sehr heftiger und schneller Schnitt von 25:22 auf 25:23 – d.h. das Standbild muss sofort nach den letzten Buchstaben von „verheißungsvoll“ eingeschaltet werden.

[FILM WIRD MIT STANDBILD GESTOPPT, MUSIK GEHT AN] [MUSIK WIRD LEISER, SPIELT ABER LEISE WEITER]

The Wind of Change. „Der Wind der Veränderung blies bis in die Ruinen unserer Republik.“

  • Und Alex?
  • Ist er für den Neustart gewappnet?
  • Kann er sich in die neue gesellschaftliche Wirklichkeit einfinden?
  • Ist er reif genug dafür?

Die Zukunft lag ungewiss in seinen Händen. Ungewiss und verheißungsvoll.

Mit welchen anderen Adjektiven als „ungewiss und verheißungsvoll“ kann das Abenteuer „erwachsen werden“ besser beschrieben werden?

Dieses kitzelige Gefühl, das Leben selbst in Angriff zu nehmen. Alex wird durch äußere Umstände zu diesem Abenteuer gezwungen.

  1. Zum einen durch die politischen Veränderungen.
  2. Aber zum anderen auch durch das Koma der Mutter, welches ihn aus seiner Rolle als Kind und Jugendlicher heraus katapultiert. Er muss jetzt für sich selbst sorgen.

Zu all den Veränderungen bringt die langsame Annäherung an die russische Lernschwester Lara seine Hormone tüchtig durcheinander.

„Erwachsen werden“ heißt sich aufmachen, selbständig werden – wie der Kosmonaut Sigmund Jähn in unbekannten Raum vorzustoßen.

  • Wie geht es mir bei solchen Veränderungen?
  • Quält mich die Ungewissheit eines Neuanfangs?
  • Oder reizt mich das Verheißungsvolle an solch einem Abenteuer?
  • Wie geht es mir bei solchen Veränderungen?

(kurze Pause)

  • Wie wird es bei Alex weitergehen?
  • Wird die Ungewissheit oder das Verheißungsvolle siegen?
  • Wird er sich weiter aufmachen in den unbekannten Raum vorzustoßen?

Teil 3: Unterbrechung CUT 2

Zeit DVD: 1:01:55 (DVD-Kapitel 17)

COCA-COLA-PLAKAT

Lara haut aus der Wohnung am Geburtstag der Mutter ab. Standbild Daniel an der Tür – schaut noch kurz Lara nach.

[FILM WIRD MIT STANDBILD GESTOPPT, MUSIK GEHT AN] [MUSIK WIRD LEISER, SPIELT ABER LEISE WEITER]

„Was hat sich verändert? Eigentlich nicht viel …“ Eigentlich nicht viel?

Lara hält es nicht mehr aus.

Alex verstrickt sich mehr und mehr in seinen Notlügen.

Er konserviert auf 79qm Plattenbau die DDR und provoziert dadurch ein groteskes Aufeinandertreffen der Ost- und der Westkultur.

Und mitten in diesem Clash der Kulturen kristallisiert sich mehr und mehr eine Frage heraus.

Die Frage nach der „Heimat“, „unserer Heimat“.

  • Denn was ist bitte „Heimat“?
  • Was macht „Heimat“ aus?
  • Das Gras, die Vögel, die Städte?
  • Die gewohnten Konsum-Produkte?
  • Die Menschen? Die Familie? Die beste Mutter der Welt?
  • Oder das Gesellschaftssystem, welches dem Leben durch verschiedene Rituale eine Ordnung gibt?
  • Was ist eigentlich für mich „Heimat“?
  • Dort wo ich aufgewachsen bin?
  • Der Ort, das Land, die Umgebung?
  • Die Produkte, die ich konsumiert habe?
  • Meine Familie?
  • Das Gesellschaftssystem, in dem ich aufgewachsen bin?

Zum Erwachsen-werden ist es unabdingbar, sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen. Und so frage ich mich:

  • Wo komme ich her?
  • Warum denke und handle ich heute so wie ich es tue?
  • Wie hat mich meine Heimat, meine Familie, das Land, in dem ich aufgewachsen bin usw. – wie hat mich das geprägt?
  • Und was will ich übernehmen oder was habe ich schon übernommen, was aber auch nicht?

Alex konserviert aus Liebe und Fürsorge zu seiner Mutter die alte Heimat. Doch so muss er sich auch wieder mit seinen eigenen Wurzeln, seiner eigenen Heimat, auseinandersetzen.

Ein spannender Prozess!

  • Was wird Alex tun?
  • Wie wird er mit seiner Herkunft und den neuen Herausforderungen umgehen?
  • Wird er einen eigenen Weg - seinen Weg - finden?

Teil 4: Unterbrechung CUT 3

Zeit DVD: 1:27:30 (DVD-Kapitel 24)

IM GARTEN BEI DER DATSCHA

„Mutter: Was ist eigentlich passiert in den acht Monaten, die ich verschlafen habe? Ihr seid erwachsen geworden. Das ist es wahrscheinlich. Du wirst deinem Vater immer ähnlicher.“

Standbild und Lara auf der Bank.

[FILM WIRD MIT STANDBILD GESTOPPT, MUSIK GEHT AN] [MUSIK WIRD LEISER, SPIELT ABER LEISE WEITER]

„Ihr seid erwachsen geworden. Das ist es wahrscheinlich. Du wirst deinem Vater immer ähnlicher.“

Alex ist reifer geworden. Woran macht die Mutter das fest?

  • An der Verantwortung, die Alex in der Familie seit ihrem Herzinfarkt übernommen hat?
  • Oder an dem, dass Alex beruflich voll im Leben steht, selbst sein Leben in die Hand genommen hat?
  • Oder an Lara, seiner Partnerin an seiner Seite?
  • Was heißt es „erwachsen zu werden“?
  • Nach welchen Kriterien kann man feststellen? „Ich bin erwachsen.“

Wie würde ich darauf antworten, wenn mich jemand fragt: „Bist du erwachsen?“

  • Ja?
  • Nein?
  • In manchen Bereichen schon, in manchen noch nicht?

Früher war es irgendwie klar: Nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung und der Gründung einer Familie galt mal als „erwachsen“. Doch heute – bei all den unterschiedlichen Lebensentwürfen?

Der Gesetzgeber sagt noch heute: Ab 18 bist du volljährig, mit 21 voll haftbar. Irgendwo muss es ja von der Gesellschaft auch festgelegt werden. Klar.

  • Doch trotzdem bleibt die Frage: entscheidet das Alter alleine?
  • Ist das Leben nicht ständig im Fluss?
  • Entwickele ich mich nicht dauernd?
  • Wann kann ich dann sagen: Ich bin erwachsen?

Was denkst du?

(Pause)

„Was ist eigentlich in den acht Monaten passiert, die ich verschlafen habe? - Ihr seid erwachsen geworden. Das ist es wahrscheinlich.“



Teil 5: Abschluss

nach dem Film

Abspann läuft bis zum Ende! [FILM IST AUS. MUSIK GEHT AN] [MUSIK WIRD LEISER, SPIELT ABER LEISE WEITER]

(möglichst frei reden !!) Good Bye, Lenin - ein Film der unter die Haut geht.

  1. Ein Film über die Wiedervereinigung zweier äußerst ungleicher deutscher Staaten.
  2. Ein Film über das Auseinanderbrechen und Zusammenhalten einer Familie.
  3. Und ein Film über einen Jugendlichen namens Alex, der erwachsen wird.
  • Erwachsen wird, indem er lernt Verantwortung zu nehmen.
  • Erwachsen wird, indem er inmitten dieses konfusen Umbruches zwischen Ost und West, lernt seinen eigenen Weg zu gehen.
  • Nicht als Wendehals, aber auch nicht als ewig-gestriger Meckerer, definiert er für sich selbst ganz neu, wofür es sich lohnt zu leben.

In der letzten gefakten Fernsehsendung lässt er Sigmund Jähn seine eigene gesellschaftliche Vision offiziell verlesen:

„Sozialismus, das heißt auf den Anderen zuzugehen, mit dem Anderen leben, nicht nur von der besseren Welt zu träumen, sondern sie wahr zu machen.“

Somit gehört zum Erwachsen-werden nicht nur die Verantwortungsübernahme oder ein paar Kompetenzen, sondern ebenso ein – ich nenne es mal – Grundmuster des Lebens. Zu wissen, wofür und warum ich lebe.

Überleitung zum Interviewgast (muss für jeden Gast unterschiedlich bedacht werden)

z.B. Und hierzu habe ich jemanden eingeladen, der/ die … . Ich habe ein paar Fragen an dich in Bezug auf den Film. Danach soll es auch die Möglichkeit geben, dass von den Tischen her Fragen an dich gestellt werden können.

Fragen:

  1. Wie hast du damals diese Zeit der Wiedervereinigung erlebt?
  2. Bist du erwachsen? Wo liegen für dich die Kriterien, für das „Erwachsen-werden“.
  3. Was bedeutet für dich das Wort „Heimat“? Was hast du übernommen und wo hast du dich abgelöst von deiner Heimat?
  4. Wie würdest du dein „Grundmuster des Lebens“ beschreiben? Wofür lebst du? Wie hat sich das in deinem Leben verändert?

Danke .... . Jetzt soll es so weitergehen, dass uns unsere Band zwei Songs spielt.

Kreuzverhör ankündigen In der Zeit könnt ihr an den Tischen beraten, welche Fragen euch noch in Bezug auf den Film kommen und die ihr gerne stellen würdet. Es können aber auch ruhig Statements, Vermutungen, Interpretationen sein, die man einfach in den Raum stellt, wo wir dann versuchen miteinander darauf eine Antwort zu finden.

Also jetzt Musik ab. Nach der Plenumsdiskussion bedanken und noch mal auf den Kino-Treff nach CUT und die Feedback-Karten hinweisen. Gute Gespräche an den Tischen wünschen.