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Der Glaube – nur ein körperloser Gedanke (Peter Rostan)

aus 18plus, alles für die Arbeit mit jungen Erwachsenen

Über Geschmack lässt sich streiten. Das dachte ich zumindest, als mir in diesen Tagen im Freibad ein in den Bauchnabel gepiercter Kreuz-Anhänger auffiel… Aber vielleicht liegt mein Unbehagen ja nur an meiner trocken-lutherischen Prägung, die weder mit einer Nabelschau noch mit einer Aus-dem-Bauch-heraus-Theologie etwas anfangen kann. Das Kreuz gehört an einen anderen Ort – oder?


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Inhaltsverzeichnis


Überlegungen zum Stichwort „Ganzheitlichkeit“

Über Geschmack lässt sich streiten. Das dachte ich zumindest, als mir in diesen Tagen im Freibad ein in den Bauchnabel gepiercter Kreuz-Anhänger auffiel… Aber vielleicht liegt mein Unbehagen ja nur an meiner trocken-lutherischen Prägung, die weder mit einer Nabelschau noch mit einer Aus-dem-Bauch-heraus-Theologie etwas anfangen kann. Das Kreuz gehört an einen anderen Ort – oder?

„Fides ex auditu“ – der Glaube kommt vom Hören, so betonten einst mit erhobenem Zeigefinger die evangelischen Kirchenväter. Wahrhaft fromme Augen bleiben geradlinig auf den Zeilen der Bibel hängen, die Lippen geben dann das reine Wort in der Predigt weiter und im Gehirn, also irgendwo zwischen den Ohren, wächst schließlich der Glaube. So gehört es sich. Was zählt ist der Kopf. Der Körper lässt sich in Glaubensdingen vernachlässigen – oder?

Am Anfang war…

„Am Anfang war das Wort“ schreibt der Evangelist Johannes (Joh 1,1). In typisch griechischer Manier beginnt er sein Evangelium mit einem Hinweis darauf, was die Welt im Innersten zusammenhält. Nicht die Materie, nicht der Körper, nicht der Bauchnabel, nicht die Sinnlichkeit, sondern der pure Gedanke steht am Anfang, das „Wort“, der „Logos“. Für die griechische Philosophie ist der menschliche Körper letztlich nur störender Ballast auf dem Weg zur reinen Vergeistigung. Die frühe Kirche hat diesen Weg allzu gerne aufgegriffen.

Doch dabei blieb es nicht. Schon der alte Goethe hatte Schwierigkeiten mit dieser Engführung. Er lässt seinen Helden Dr. Faustus über den Ursprung der Welt sinnieren und kommt zum Ergebnis: „Am Anfang war die Tat!“. Was zählt ist nicht der Gedanke, sondern die Tat. Die Welt wird durch kraftvolle Taten zusammengehalten. Letztlich liegt die Welt in der Hand des arbeitenden Menschen, könnte man meinen.

Heute geht der Trend in eine andere Richtung. Ein neuer Slogan drängt sich auf: „Am Anfang war das Erlebnis!“. Unter dem Stichwort „Ganzheitlichkeit“ werden die wildesten Sinneseindrücke zum Lebensmittelpunkt. Hauptsache, das feeling stimmt. Wenn die Bauchdecke vibriert bei starken Bässen oder der Ranzen spannt nach starkem Essen, dann ist die Welt in Ordnung. Auch der Glaube lebt scheinbar nur noch von „ganzheitlichen“ Events mit Erlebnischarakter.

Die hebräische Bibel beginnt mit dem Satz: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, sprich: Gott machte die ganze Welt und alles was lebt. Am Anfang steht eine Tat, die Körper, Seele und Geist umfasst. Doch diese Tat geschieht nicht mit Hammer und Meißel, auch nicht durch ein bombastisches Event, sondern paradoxerweise durch Worte: „Gott sprach: ‚Es werde Licht!’…“. Gottes Worte sind nicht nur beschreibend sondern bewirkend, sie sind nicht nur weltdeutend sondern weltbewegend. Gottes Worte sind zugleich Taten, die ganzheitlich Wirkung zeigen!

… tatsächlich das Wort …

Johannes riskiert einiges, wenn er den philosophischen Begriff des „Logos“ aufgreift. Seine Version „Am Anfang war das Wort“ wurde leider allzu schnell missverstanden. Er hatte den hebräischen Schöpfungsbericht vor Augen, das wirkmächtige Wort Gottes. Und er wagte es, seine griechischen Lesern damit zu konfrontieren: „Leute, hört zu, euer abstrakter Logos-Gedanke ist in Wahrheit das schöpferische Wort des lebendigen Gottes! Dieses Wort reicht weiter als die vergeistigten Formeln eurer Philosophen, dieses Wort wurde Fleisch (Joh 1,14), ein konkreter Mensch!“.

… das aber „Fleisch“ wurde …

Es klingt, als wolle er seine Leser provozieren. Ausgerechnet den Begriff „Fleisch“ verwendet er, um sie von den geistigen Höhenflügen herunterzuholen. „Fleisch“ erinnert eher an eine Metzgerei als an eine philosophische Abhandlung. „Fleisch“ holt die verkopften Hellenisten zurück in die ganzheitliche Welt der hebräischen Bibel. Der Logos wurde ein vollständiger Mensch, mit Körper, Seele und Geist, er wurde als Jesus von Nazareth in unsere Welt hineingeboren und will über ihn erkannt und erfahren werden.

… und so gehört werden will!

Der Apostel Paulus schreibt einmal voll Leidenschaft: „Der Glaube kommt vom Hören“ (Röm 10,17). Ohne das gepredigte Wort wird der Glaube zum dumpfen Körperkult. Gefühle und Erfahrungen sind immer mehrdeutig (und oft in sich widersprüchlich!), wenn ihnen die sprachliche Dimension einer Predigt, eines Bibelwortes oder eines Bekenntnisses fehlt. Aber diese Predigt ist nicht körperlos. Sie redet von Jesus Christus, vom „Fleisch“ gewordenen Wort Gottes. Sie redet von dem Menschgewordenen, der zu uns ganzheitlich Kontakt aufnahm und nun als „Heiliger Geist“ in uns wohnt. Darum kann derselbe Paulus, der hier vom Vorrang der Predigt spricht, an anderer Stelle mit derselben Leidenschaft schreiben: „Euer Leib ist ein Tempel des heiligen Geistes. Ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe!“. (1.Kor 6,19f). Das heißt konkret: Wer zu Jesus Christus gehört, der schmeißt seinen Körper nicht auf den Müll, sondern gestaltet ihn. Er passt auf ihn auf wie auf einen wertvollen Schatz, der weder physisch noch psychisch verletzt werden soll.

Der Glaube kommt aus dem Hören, sollte aber nicht im Kopf stecken bleiben. Ob deshalb das Kreuz Jesu als Schmuckstuck an den Bauchnabel gehört, möchte ich nach wie vor bezweifeln.