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Exerzitien im Alltag (Alma Ulmer)

aus 18plus, alles für die Arbeit mit jungen Erwachsenen

Exerzitien sind „geistliche Übungen“, die uns dabei helfen wollen, dass unser Glaube unsre Alltäglichkeiten durchdringt und zusammenkommt mit allem was zu unsrem Leben dazugehört.


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Inhaltsverzeichnis


Was sind Exerzitien?

Exerzitien sind „geistliche Übungen“, die uns dabei helfen wollen, dass unser Glaube unsre Alltäglichkeiten durchdringt und zusammenkommt mit allem was zu unsrem Leben dazugehört.

„Exerzitien“ – dieses Wort mutet uns eher befremdlich an, katholisch, klösterlich. Von dort her kommen sie auch. Exerzitien sind nichts anderes als geistliche Übungen. Sie laden uns ein, Texte der Bibel intensiver zu betrachten und unser Leben mit ihnen in Kontakt zu bringen. Exerzitien haben zum Ziel, dass wir in unserer Liebe zu Gott wachsen und immer wieder begreifen, aus welcher Wirklichkeit wir wirklich leben. Sie wollen in uns Raum schaffen, damit Christus in uns wachsen kann und sich unsere Liebe zu ihm vertieft. Exerzitien entführen uns nicht in abgehobene, weltferne Räume. Sie bieten vielmehr Raum, unser Leben mit seinen Verletzungen und Begrenzungen, seinen Hindernissen und Mühen, vor dem lebendigen Gott zur Sprache zu bringen und die eigene Lebenswirklichkeit in der Gegenwart Jesu zu betrachten. Exerzitien sind Übungen. Übungen brauchen Zeit und Geduld, die innere Bereitschaft unterschiedliche Zeiten und Erfahrungen auszuhalten. Da unsere Lebenswirklichkeit in diesen Übungen eine Rolle spielt, bringen sie uns mit dem in Kontakt, was uns gerade umtreibt und beschäftigt. Ob wir gerade innerlich voller Unruhe sind oder in einer ausgeglichenen Phase leben, hat seine Auswirkung. Und diese Situationen gehören immer dazu. Die Gegenwart Jesu lädt uns ein, sie in seine Wirklichkeit hinein zu halten, sie so auszuhalten.

Zeiten für Exerzitien

Exerzitien können in verschiedenen Zeiträumen und an jedem Ort statt finden. Die Advents- und Passionszeit eignet sich dafür, um sie in Gruppen oder allein zu gestalten. Gut und hilfreich kann es sein, wenn man sich für diese Zeiten eine Begleitung sucht. In der Regel dauern sie zwischen zwei und zwölf Wochen.

Gestaltung des Rahmens

Exerzitien brauchen einen gestalteten Rahmen. Dazu gehört die Wahl des Zeitpunktes. Viele stellen die Übung an den Anfang des Tages und halten am Abend noch einmal Rückschau auf die Erfahrungen. Dazu gehört auch, für sich einen guten Ort zu finden, an dem die Ablenkung möglichst gering ist. Eine Kerze, eine Ikone, ein Gebetsschemel ... helfen zur Konzentration.

Ohne Leistungsdruck

Exerzitien sind Prozesse ohne Leistungsdruck. Es geht darum, mich in meiner heutigen Situation und Verfassung der Nähe und Liebe Gottes auszusetzen. Jede Übung hat ihren eigenen inneren Weg. Sie lässt sich nicht wiederholen. Sie ist völlig anders. Hilfreiche Fragen können dabei sein: Was hat Gott heute mit mir vor? Welche Wahrheit möchte er mir heute aufdecken? Wohin möchte er mich heute führen. Sein, nicht erreichen wollen, zweckfrei gegenwärtig sein, das möchten diese Übungen ermöglichen. Wenn meine Wirklichkeit von Unruhe geprägt ist, dann ist das meine gegenwärtige Wahrheit und das Thema meines Übung. So werden wir fähig, unsere Wahrheit vor Gott auszuhalten.


DIE EINZELNEN SCHRITTE

(nach Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen)

Ignatius von Loyola schreibt: „Nicht das Wissen sättigt und befriedigt die Seele, sondern das innerlich die Dinge verspüren und schmecken.“ Die Übungen beschäftigen sich mit Texten der Bibel. Es geht darum, dass wir wahrnehmen, schauen, begreifen, was ihnen hoffnungsstiftend und lebensnah ist. Sie sind auf Begegnung hin ausgerichtet und möchten uns aufzeigen, wie unser Leben von Christus her interpretiert und gedeutet wird. Wenn wir sie lesen, dann hat das mit unserem Heil zu tun, mit einer Wirklichkeit, die hinter den Wahrnehmungen und Bewertungen unseres Lebens steht. Nicht unser Wissen erweitern, sondern tiefer in unser Heil hineinfinden, das möchten die Übungen ermöglichen.

Der erste Schritt - Vergegenwärtigung

Ich gönne mir Zeit. Zeit, um gegenwärtig zu sein, Dinge loszulassen und mich in der Gegenwart Gottes zu sehen, darin wieder zu finden. Er ist anwesend. Er will zu mir reden. Dazu ist es hilfreich, dem eigenen Atem nach zu spüren, bewusst einatmen und ausatmen. ER ist da. Gebete, die uns bei diesem ersten Schritt eine Hilfe sein können, sind das Vaterunser, das Magnifikat, das Ehre sei dem Vater – bewusst gesprochen, den Worten nachspürend. Die Vergegenwärtigung endet mit dem Gebet um die „rechte Absicht“: Zeige mir, Herr, was dein Wille, dein Wort des Trostes, deine Wegweisung für mich ist.

Der zweite Schritt - Dem Text begegnen

In dieser Phase steht die Begegnung mit dem Text im Mittelpunkt. Man kann ihn mehrmals lesen, abschreiben oder auswendig lernen. So wird er mir vertrauter. An einzelnen Worten bleibe ich hängen, Bilder entstehen, er kommt mir näher. So will dieser Schritt Raum schaffen, den Text nicht nur oberflächlich wahrzunehmen, sondern ihn zu durchdringen, ihn sich anzueignen.

Der dritte Schritt - Den Text schauen

Ein Text beginnt zu leben, wenn er geschaut wird. Nach der Textbetrachtung versuche ich mir ein inneres Bild von dem zu machen, was da im Text beschrieben wird, schauen, was ich gelesen habe. Wo ist mein Platz in dieser Geschichte? Welche Bilder von Trost, von Hoffnung, von Orientierung nehme ich wahr? In welchen Personen finde ich mich und meine Situation wieder? Was tut Jesus? Wie handelt und redet Gott? Dieser Schritt braucht Zeit. Manchmal schweifen die Gedanken ab, andere Bilder tauchen auf, Gefühle regen sich. Das gehört dazu und ist wichtig. Dadurch können die Verbindungen zwischen dem Text und meinem Leben deutlicher werden. Deshalb sollte man die abschweifenden Gedanken nicht gleich abwerten, sondern einmal genau hinsehen, ob sie nicht etwas mit der Botschaft des Textes zu tun haben. Betrachtung der Texte lebt davon, dass sein darf, was ist. So kann durch das Schauen des Textes eine Verbindung zwischen meinem Leben und der alten Geschichte entstehen. Ihre Zusagen haben Gültigkeit bis heute, auch wenn sie aus einem völlig anderen Hintergrund kommen.

Der vierte Schritt - Gebet

Die Betrachtungen wollen in das Gebet der Wahrhaftigkeit vor Gott hinein führen. Auch hier gilt, es darf sein, was ist. Mein Leben mit seinen Hoffnungen und Sorgen, seinen Abgründen und seinen lichten Seiten darf vor dem ewigen Gott zur Sprache kommen. Im Betrachten der Texte kann mir deutlich werden, woran ich Mangel leide, was mir fehlt, was ich wünsche und erhoffe. Das alles hat Raum vor Gott. „Kommt her, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ Ignatius bittet darum, dass „ich IHN neu erkenne, mehr liebe und ihm treuer nachfolge“. Manchmal helfen bestimmte Rituale und Gebärden zur inneren Sammlung.

Der fünfte Schritt - Teilgeben und Teilnehmen

Die Erfahrungen der Betrachtung können nun auf verschiedene Weise weiterfließen. Wenn man diese Übung mit einer Gruppe macht, bietet sich der Austausch an. Wenn man alleine einen Text geschaut hat, ist das Aufschreiben von Gedanken hilfreich.

Den Tag abschließen

Wie bereits erwähnt, kann es gut sein, sich am Ende des Tages an die Erfahrungen der Übung zu erinnern. Was ist von dem Text geblieben? Sind mir neue Gedanken gekommen? Hat er meinen Tag geprägt?

Ignatius empfiehlt für diesen Rückblick das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“: ansehen, was Gott mir heute geschenkt hat, ihn um Vergebung zu bitten, benennen, was in mir wachsen will, Gott Raum geben, dass er in mir Gestalt gewinnt und meine Sehnsucht erfüllt. Ich sage ihm meine Wünsche und meine Sehnsucht für den kommenden Tag und lege ihn bewusst in seine Hände.

Literatur

  • Anselm Grün: "Exerzitien für den Alltag". Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach, ISBN 3878686064
  • Willi Lambert: "Gebet der liebenden Aufmerksamkeit". Johannesverlag Leutesdorf, ISBN 3779413094
  • Andrea Schwarz: "Wie ein Gebet sei mein Leben – Exerzitien im Alltag". Herder-Verlag Basel – Freiburg – Wien, ISBN 3451278685



Mich loszulassen, Herr, bin ich hier:
Aus meiner Verspannung, aus meiner Verstrickung,
aus meiner Verkrampftheit,
mit der ich mich selbst festhalten will,
und doch verliere.

Mich niederzulassen, Herr, bin ich hier:
In meine Mitte, in meine Tiefe, in meinen Grund.
Dorthin, wo ich an dich grenze,
wo mein Leben an dein Leben rührt.

Einszuwerden, Herr, bin ich hier:
Mit dem Boden, mit der Erde,
in der ich wurzeln kann und die mich trägt:
DU.

Neuzuwerden, Herr, bin ich hier:
Aus deiner Kraft, aus deiner Liebe,
aus deinem Geist, mit dem du mich durchflutest,
und Leben in Fülle schenkst.

Alois Albrecht
(Quelle unbekannt)