Fehler machen Leute (Martin Weingart)
aus 18plus, alles für die Arbeit mit jungen Erwachsenen
Unsere Fehler bedrohen unser Image...
| Fehler machen Leute | |
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| Autor | Martin Weingardt |
| Erscheinungsdatum | |
| Publikation | 18plus |
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Lizenzbestimmungen: Alle Rechte vorbehalten.
Inhaltsverzeichnis |
Vom Umgang mit Fehlern
„Kleider machen Leute“ nannte Gottfried Keller vor 150 Jahren eine Novelle, in der ein mittelloser Schneider erfährt, dass er allein aufgrund seiner respektablen Kleidung plötzlich auch respektvoller und zuvorkommender behandelt wird und keiner den armen Schlucker in ihm vermutet. Eine Erfahrung, die man heute ebenso machen kann – viele Jugendliche leider auch in umgekehrter Weise, etwa wenn ein etwas nachlässigeres Outfit in Ladengeschäften und bei anderen Kontakten fast reflexartig eine weniger zuvorkommende Behandlung auslösen. In unserer Kultur nehmen wir uns zunehmend weniger Zeit dafür, andere durchs Gespräch kennen zu lernen. Statussymbole und Outfit, Berufsbezeichnungen und Titel werden deshalb überinterpretiert. Durch solche Äußerlichkeiten versuchen wir nicht nur bestimmte Eindrücke zu erzeugen, sondern auch unsere Schwächen und Fehler zu überdecken. Das erste, was gemäß dem biblischen Bericht Adam nach seinem Sündenfall unternahm, war, dass er sich versteckte und Kleidung zulegte.
Allgemeine Fehlervertuschung
Unsere Fehler bedrohen unser Image, also verstecken wir sie und bauen an Fassaden, die den Blick des anderen ablenken oder täuschen sollen. Solche Strategien finden sich in fast allen Kulturen und in unserer westlichen Leistungsgesellschaft in besonders nachdrücklicher Weise. Von wem etwa bekannt wird, dass er schwerkrank oder in therapeutischer Behandlung war, der wird in bestimmten Branchen rasch aussortiert, denn Deutschland sucht „Superstars“ und Gewinnertypen, keine Menschen mit Schwächen. Obwohl alle wissen, dass jede und jeder seine täglichen Fehlleistungen hat – im Beruf, in der Alltagsbewältigung, in zwischenmenschlichen Kontakten –, möchten wir so tun, als sei dies nicht der Fall. Das zwanghafte Kaschieren und Verdrängen unserer Fehler hat ansatzweise etwas von einer ‚kollektiven Neurose’.
„Fehler machen Leute“
Das Vertuschen der Fehler ist zwar verständlich, aber dumm und langfristig gefährlich. Denn in Wirklichkeit gilt: „Fehler machen Leute“! Es ist im Grund eine Binsenweisheit, dass überall dort, wo gearbeitet und vor allem dort, wo gelernt wird, auch Fehler gemacht werden. Fehler sind keine unangenehme Begleiterscheinung des Lernens, sondern dessen Motor. Nur so lange, wie ich einen Fehler (ein Ungenügen, ein Defizit) wahrnehme, bin ich veranlasst zu lernen, d.h. mein Handeln zu optimieren oder gänzlich neu auszurichten. Deshalb ist es tatsächlich gefährlich, wenn wir uns angewöhnen, unsere Fehler vor anderen und zuletzt auch vor uns selbst zu verleugnen: ich nehme dann meinen Lernbedarf immer weniger wahr. Und in einer dynamischen und hochveränderlichen Gesellschaft, in der alle Lebensbereiche starken Entwicklungen unterworfen sind, die „lifelong learning“ erforderlich machen, ist Fehleroffenheit die unumgängliche Voraussetzung für ein angemessenes Schritthalten. Das gilt für Organisationen und Gemeinschaften ebenso wie für Individuen. Und wer kennt sie nicht, die Personen, Gemeinden und Organisationen, die sich im Bewusstsein weitest gehender Fehlerlosigkeit eingerichtet haben und dabei verknöchert und lernunfähig geworden sind.
Die 3 Elemente von Fehleroffenheit
Fehleroffenheit bedeutet also erstens, dass man Fehler als potentiellen Anlass zum Dazu- oder Umlernen neugierig betrachtet, sorgfältig analysiert und schließlich produktiv nutzt. Dies tut man faktisch aber nur dann, wenn eine zweite Voraussetzung besteht. Bereits in der ersten spontanen Reaktion muss man gelassen und tolerant auf Fehler reagieren können, wenn man das reflexartige Vertuschen vermeiden möchte. Gerade Jugendliche, die gerne neue Rollen und Verhaltensweisen ausprobieren und auch vom Wechselbad ihrer Hormone zu so mancher ‚Fehlleistung’ veranlasst werden, halten sich gerne bei denen auf, die daraus dann kein Drama machen. An vielen Orten gilt es, gemeinsam an einer fehleroffenen Atmosphäre, einer neuen ‚Fehlerkultur’ im Miteinander zu arbeiten. Das bedeutet nicht, dass man ohne Unterschied jeden Fehler ‚erfreut’ begrüßt. Es gibt Fehler, die kaum produktiv sind, etwa weil sie nur auf mangelnder Konzentration oder Faulheit beruhen. Daneben gibt es Fehler, die durch Arbeitsüberlast entstehen; dann ist die Überlast zu reduzieren oder eine erhöhte Fehlertoleranz festzulegen. Es gibt wiederkehrende Fehlleistungen, die zum ‚Nachdenken’ anregen wollen, wie das Handeln besser organisiert oder neu strukturiert werden kann. Und dann sind da die völlig überraschenden Abläufe, Ereignisse oder spinnerten Ideen, die Impulse zum kreativen ‚Neudenken“ anbieten. Was bislang als Fehler erschien, kann unter Umständen am Ende ganz anders beurteilt werden und nun als wünschenswert erscheinen. Dann ist der Riss in der Hose kein ‚Fehler’ mehr, sondern ein Stilmerkmal. Kritik von Kunden oder von Mitarbeitern gilt dann nicht mehr als peinlich, sondern als erwünschter Lernimpuls, der frühzeitig einen Handlungsbedarf anzeigt. Fehlertoleranz, -nutzung und -neubeurteilung sind also die drei Grundelemente einer Kultur der Fehleroffenheit.
Auf dem Weg zur neuen Fehlerkultur
Großunternehmen wie Siemens, VW oder HP haben diese Zusammenhänge besonders in ihren Forschungs- und Marketingabteilungen erkannt. In deren Leitbildern finden sich Sätze wie etwa „Fehler zu machen ist das Privileg einer aktiven Person“ (Leitbild IKEA). Aber in den Produktionsabteilungen der Großunternehmen, im Arbeitsalltag vieler mittelständischer Betriebe, im Politikbetrieb, im Schulwesen und in mancher kirchlichen Institution herrscht faktisch noch immer der entwicklungswidrige Geist hochnotpeinlicher Fehlervermeidung, -aufrechnung und -kaschierung bzw. das Motto „Meine Schuld war es jedenfalls nicht!“ An mancher Büro-Pinwand hängt deshalb zurecht der nachdenkenswerte Spruch: „Wer arbeitet, macht Fehler. Wer viel arbeitet, macht viele Fehler. Es soll Leute geben, die keine Fehler machen...“ – manchmal noch ergänzt um den ironischen Zusatz „...und wer keine Fehler macht, wird befördert.“
Vielleicht sollte man beginnen, sich in Kaffeepausen auch einmal amüsiert von so richtig blödsinnigen oder seltsamen Fehlern zu erzählen, die einem passiert sind. Etwa dass man Zigaretten holen ging und plötzlich mit einem Becher Kaffee dastand, weil man geistesabwesend das Geld in den falschen Automaten warf. Denn das ist etwas typisch Menschliches, das kein Tier und keine Maschine vermag und das man bereits bei Kleinkindern beobachten kann: dass wir zu lachen beginnen, wo das Unerwartete, das Missgeschick, der Blödsinn passiert. Und vielleicht sollten wir an unsere Pinwände das schöne Wort von Karl Heinrich Waggerl hängen: „Dumme Leute machen immer wieder dieselben Fehler, gescheite immer wieder neue.“
Dr. Martin Weingardt, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Noch mehr Hintergründe und Anregungen zum Thema finden sich in:
Martin Weingardt
„Fehler zeichnen uns aus - Grundlagen zur Theorie und Produktivität des Fehlers in Schule und Arbeitswelt“
Klinkhardt-Verlag 2004
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