Gesangsworkshop ( Wolfgang Ilg)
aus 18plus, alles für die Arbeit mit jungen Erwachsenen
Singen für Unbegabte..
| Gesangsworkshop | |
|---|---|
| Autor | Wolfgang Ilg |
| Erscheinungsdatum | |
| Publikation | 18plus |
| Kategorie | |
Lizenzbestimmungen: Alle Rechte vorbehalten.
Inhaltsverzeichnis |
EIN GESANGS-WORKSHOP FÜR ALLE, DIE NICHT SINGEN KÖNNEN – EINE LUSTIGE, EINE BAHNBRECHENDE IDEE
Singen für Unbegabte
„Da wurde ja wohl der Bock zum Gärtner gemacht“ prusteten ein paar ehemalige Mitschüler los, als ich ihnen erzähle, dass ich bei der letzten Freizeit einen Sing-Workshop geleitet habe. „Ausgerechnet du, wo du doch selbst als Jugendlicher keinen Piep gesungen hast!“ Stimmt - erst als Zivi, fern des heimatlichen Jugendkreises habe ich mich an meine ersten schüchternen Singversuche gewagt.
Trotzdem: Für diesen Workshop war ich besser geeignet als Star-Tenor Pavarotti. Nicht, weil ich mich inzwischen zum Sing-Wunder verwandelt hätte (alles andere als das!), sondern weil ich das Nicht-Singen-Können/-Wollen aus eigener Erfahrung kannte. Solche jugendlichen Singverweigerer wie mich muss es doch auch heute geben, dachte ich mir. Die Idee des Workshops war geboren. Titel: „Singen für Unbegabte“. Teilnahmebedingung: Unfähigkeit zum Singen oder zumindest der feste Glaube daran. Ziel: Jeder soll ausprobieren dürfen, ob er wirklich so unbegabt ist wie er meint. Und für „fortgeschrittene Unbegabte“ hatte ich sogar ein einfaches Lied zum Selbersingen kopiert.
WORKSHOP FÜR FORTGESCHRITTENE UNBEGABTE
Sieben Teilnehmer kamen zu einem der ulkigsten Workshops, die ich je erlebt habe. Nachdem jeder seine Nichtsänger-Karriere gebeichtet hat, löste sich die Verkrampfung. Munter erzählt jeder, was ihn beim Singen (b)lockt. Und dann spiele ich den Gesangslehrer. 10 Minuten Musiktheorie: Je höher die schwarzen Pünktchen auf den Notenlinien, desto höher muss man singen („aha!“). Ein Doppelpunkt am Schluss der Zeile steht für Wiederholung („ach so!“). Es folgt der praktische Teil: Alle singen denselben Ton. Genauer gesagt: versuchen es. Nach fünf Minuten haben die meisten die richtige Hertz-Zahl getroffen. Dann gemeinsam einen Ton höher. Höchstleistung für alle, aber es klappt. So geht es weiter. Mit vielen schiefen Tönen - aber ohne Hemmungen. Und mit erstaunlichen Resultaten. Beim Nachtgebet am selben Abend beobachte ich, wie einer der Workshop-Teilnehmer schüchtern ein Lied mitsingt. Was für ein Erfolg!
DEN BOCK ZUM GÄRTNER GEMACHT
Ich als Gesangslehrer - da wurde tatsächlich der Bock zum Gärtner gemacht. Und trotzdem wuchsen in diesem Gärtlein erstaunliche Früchte. Nicht trotz, sondern wegen des unbegabten Lehrers. Es kann befreiend sein, so erlebe ich das immer wieder, wenn man als Mitarbeiter einen humorvollen Umgang mit eigenen Schwachpunkten vorlebt. Die gabenorientierte Förderung, wie sie in unserer Jugendarbeit üblich ist, hat neben ihren vielen Vorteilen eben auch unerwünschte Nebenwirkungen: Bereiche, in denen man (vermeintlich) schlecht ist, bleiben brach liegen. So zementieren sich Vorurteile, die man über sich selbst pflegt. „Ich bin doch total unmusikalisch“ ist eines dieser Vorurteile. Und es setzt eine Spirale in Gang: „Ich übe das nicht, weil ich das nicht kann. Ich kann das nicht, weil ich das nicht übe. ....“
Der Sing-Workshop für Unbegabte hat mir die Augen geöffnet, welches Potential wir als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wecken können, wenn wir uns auf die Förderung von Schwächen einlassen. Am besten da, wo wir aufgrund eigener Schwächen glaubwürdige „Entwicklungshelfer“ sind. Einer, der gelernt hat, mit seiner Schwäche umzugehen, hilft anderen, das dasselbe Problem haben. Im Prinzip ist das nichts anderes als eine Selbsthilfegruppe.
Eine ganze Palette solcher Workshops fällt mir ein: Rhetorik für Maulfaule, Fußball für Sporthasser. Oder Basteln für Leute mit zwei linken Händen. Unbegabte Mitarbeiter aller Richtungen vereinigt euch! Nutzt das Potential eurer Schwächen. Es macht Bock, hier zum Gärtner zu werden. Und es wird so manchem Jugendlichen den Weg dazu ebnen, vermeintliche Unfähigkeit zu überwinden - ganz im Sinne des Gottes, der immer wieder mit den scheinbar Schwachen Geschichte geschrieben hat.
Wolfgang Ilg, Theologe und Psychologiediplomand, Tübingen
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