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Gnade vor Recht – Gnade als Vorrecht (Peter Rostan)

aus 18plus, alles für die Arbeit mit jungen Erwachsenen

„GUTE GRÜNDE FÜR DEN GLAUBEN“ – UNTER DIESEM MOTTO ARGUMENTIERT PETER ROSTAN FÜR DEN CHRISTLICHEN GLAUBEN


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Inhaltsverzeichnis


„Amazing Grace, how sweet the sound...“. Amerikanische Gospelmuttis überschlagen sich in Glücksgefühlen, während sie von der „überwältigenden Gnade“ singen. Die Hammond-Orgel im Hintergrund und das 5mm-Makeup im Vordergrund – das Lied von der Gnade zieht alle Register. Nichts gegen diesen inhaltsstarken Choral, aber er passt mit seiner süßlichen Melodie nahtlos zum gängigen Image des frommdeutschen Begriffs „Gnade“. Ein nebulöses Stichwort, welches das Gefühl hinterlässt, das Richtige gesagt zu haben – auch wenn man gar nicht genauer umschreiben kann, was damit gemeint ist...

„Gnade“ – auf den Punkt gebracht

Eine Begnadigung ist ein unverdienter Freispruch vor Gericht, so viel ist klar. Der Richter ließ Gnade vor Recht ergehen, der Angeklagte hat allen Grund, ihm dafür dankbar zu sein. „Gnade“ im religiösen Sinn gehört auch in diesen Zusammenhang. Der allmächtige Gott ist jener Richter, der Menschen verurteilen oder begnadigen kann. Er ist als souveräner Weltenrichter die letzte Instanz. Noch mehr: Er ist die letztgültige Legislative, er kann selbst definieren, was Recht und Unrecht ist. Durch die Zehn Gebote, die Bergpredigt und andere Stellen in der Bibel hat er das mit deutlichen Worten getan.

Wenn nun Paulus von Gottes „Gnade“ spricht, dann hat er immer beides vor Augen: Gottes Verhalten und Gottes Haltung uns Menschen gegenüber. Gott verhält sich zu uns wie ein Richter, der seinen guten Ruf aufs Spiel setzt und das Recht durch eine Begnadigung umgeht. Und er steht zu uns wie ein guter Vater, der auch nach der größten Dummheit nicht aufhören kann, seinen Sohn oder seine Tochter zu lieben.

Verschlimmbesserungen durch gut gemeinte Ergänzungen

Soweit, so gut. Wenn nur nicht in frommen Diskussionen an dieser Stelle das berühmte „Ja, aber...“ einsetzen würde. „Gnade“ wird dann durch spitzfindige Ergänzungen wieder in den diffusen Nebel zurückkatapultiert. Man spricht von der allzu „billigen Gnade“, die verkündet werde, wenn ausschließlich von Gottes Zuwendung die Rede sei. Gott erwarte doch auch unseren Gehorsam. Oder man spricht fromm von der „Gabe der Gnade“ als einem Startkapital, das uns Gott gibt, das von uns Menschen bewahrt oder verwirkt werden könne.

Beide Anliegen sind berechtigt. Schon der berühmte Dietrich Bonhoeffer meinte, von einer „teuren Gnade“ sprechen zu müssen, die den Gehorsam des Menschen mit einschließt. Nur: die Gnade an sich ist weder teuer noch billig, Gnade gibt’s immer nur umsonst! Gottes Freispruch gibt’s nur geschenkt. Gnade ist keine religiöse Ware, die (billig oder teuer) erwirtschaftet werden kann. Sie ist, wie gesagt, eine unbegründbar liebevolle Haltung Gottes gegenüber uns Menschen, sein unbegründbares Verhalten als Richtergott. Seine Begnadigung ist mehr als nur eine Verurteilung, die gnädig auf Bewährung ausgesetzt wurde!

Gnade, besonders was für religiöse Masochisten?

Wer von der „Gnade“ redet, scheint’s nötig zu haben. „Gnade“ ist dann was für religiös eingestimmte Selbstzweifler mit zerknirschtem Gewissen und angeknackstem Ego, die sich durch Selbstvorwürfe geißeln und anschließend das wohlige Gefühl genießen, wenn der Schmerz nachlässt. Je größer der Absturz desto stärker die Erfahrung, gerettet zu werden. Also inszeniert man kunstvoll den Absturz („Ach, ich armer Sünder!“), um dann umso steiler von der Gnade ergriffen zu sein („Yeah, I am saved!“).

Ganz abwegig ist dieser Vorwurf nicht. Welcher Christenmensch aus wohlbehütetem Hause hat nicht schon einen neidvollen Blick auf die schillernden Biografien von inzwischen fromm gewordenen Ex-Dealern, Raubmördern und Steuerhinterziehern geworfen. Die wissen wenigstens, was mit Gottes Gnade gemeint ist...

Aber es kann ja wohl nicht wahr sein, dass wir in unserer eigenen „Sündigkeit“ (was für ein Wort!) herumstochern, um so die Gnade stärker zu erfahren! Wer mit wachem Verstand die Heilige Schrift liest und von Gottes Geist sensibilisiert seinen Alltag lebt, der weiß sehr genau, was er von Gottes Gnade hat! Der lebendige Gott hat einen Anspruch auf unser Leben, ohne Abstriche. Er erwartet von uns Liebe und Zivilcourage, Geduld und Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und Offenheit im Reden über ihn. Je mehr ich mich diesem Anspruch stelle, desto mehr gerate ich ins Staunen, dass dieser Gott an mir festhält, trotz allem. Amazing Grace!