Im Glauben wachsen (Rainer Knieling, 2003)
aus 18plus, alles für die Arbeit mit jungen Erwachsenen
Um sich selbst besser zu verstehen, ist es gut, nach den eigenen Wurzeln zu fragen. Wo komme ich her? Wie bin ich geworden, was ich bin? Warum bin ich so geworden? Was hat mich geprägt? ... Wenn ich nach den eigenen Wurzeln frage, entdecke ich manches, was zu mir gehört und niemand anders so erlebt hat. Ich entdecke auch manches, was viele so erle-ben, was sozusagen typisch ist für bestimmte Phasen im Leben und Glauben, ohne dass ich das weiß. Deshalb gibt es Menschen, die typische Merkmale der Lebens- und Glaubensent-wicklung erforschen. Einige ihrer Entdeckungen können mir helfen, mich selbst besser zu verstehen.
| Im Glauben (er)wachsen (werden) | |
|---|---|
| Autor | Rainer Knieling |
| Erscheinungsdatum | 2003 |
| Publikation | Christival Buch |
| Kategorien | |
Lizenzbestimmungen: Alle Rechte vorbehalten.
Inhaltsverzeichnis
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Phasen des Lebens und Glaubens
In den Forschungen ist es üblich, das Leben und den Glauben in verschiedene Phasen einzu-teilen. Freilich laufen Leben und Glaube nicht in genau diesen Phasen ab und es kommt nicht alles bei allen vor. Doch Typisierungen helfen, das eigene Leben und die persönliche Glau-bensentwicklung besser zu verstehen. Weil nicht alles für alle gilt, ist es für die Lektüre sinnvoll, einfach das herauszunehmen, was mich im Moment hilfreich aufbaut oder kritisch in Frage stellt.
Nach den Phasen des Lebens und Glaubens (1.) geht es um biblische Entdeckungen zu »Wachsen« (2.) und schließlich um konkrete Hilfestellungen für die Praxis (3.). (Einzelne Entdeckungen und Ideen entnehme ich u.a. aus den Büchern »Stufen des Glaubens« von James W. Fowler, »Erwachsenwerden ohne Gott?« von Karl Ernst Nipkow, »Stufen des Glaubens – Stufen den Lebens« von Reinhard Deichgräber, und aus dem Referat »Was kommt nach dem Kinderglauben?« von Hans-Joachim Eckstein.)
Kinder
Kinder nehmen die Wirklichkeit zunächst ungebrochen wahr. ›Papa ist der Größte. Und Mama ist die Liebste. Und wenn es im Sandkasten kracht, hol’ ich den Papa.‹ Der stellt die heile Welt wieder her. Wenn der Papa nicht da ist, kann vielleicht auch der große Bruder helfen. Die Welt wird über die Eltern wahrgenommen. Die Eltern kümmern sich um das Kind, nehmen es ernst, setzen Grenzen zum Schutz des Kindes. Feste Ordnungen und Regeln geben den Kindern Halt und Sicherheit: Essenszeiten, Tischgebet, Gute-Nacht-Geschichte, Adventskalender.
Dieses ›heile Welt‹ und die damit verbundene Stabilität und Geborgenheit sind freilich nur ein Teil der Wirklichkeit. Irgendwann nehmen Kinder Brüche war, nicht nur bei Scheidungen. Sie spüren, dass auch eine gute Beziehung zwischen den Eltern manchmal Risse hat und nicht immer nur gut ist. Sie entdecken: Papa ist nicht immer nur der Größte und stellen erschreckend fest: ›Onkel Georgs Ohren sind wesentlich größer.‹ Mama ist nicht immer die liebste. Vater- und Mutterbild bekommen Risse und müssen sich verändern.
Auch die Wahrnehmung Gottes geschieht über Personen, v.a. die Eltern. Abstraktes Denken ist nicht möglich. Wenn das Kind hört, ›Gott ist größer als der Papa und lieber als die Mama‹, wird es staunen: ›Das gibt es doch gar nicht.‹
Autoritätserfahrungen mit Eltern und Großeltern, Jungscharleitern und Lehrerinnen auf der einen Seite und Gottesvorstellung auf der anderen Seite werden eng verknüpft. Die Erzieherin wird angehimmelt. Gott wird Übervater oder Übermutter, Oberlehrer oder Superjungscharleiterin oder Obergerichtspräsident. Je nach Erfahrungen sind diese Bilder positiv oder negativ geprägt.
Jugendliche - Identität und Rollenvielfalt
Um die eigene Identität zu finden, müssen verschiedene Rollen ausprobiert werden. Rollen ausprobieren schließt ein: Hin- und hergerissen sein. Heute so, morgen anders. Heute mutig, morgen ängstlich. Heute ganz für Jesus entschieden, morgen von Zweifeln geplagt. Die Sehnsucht nach Freiheit kämpft gegen die Angst vor der Freiheit. Die Sehnsucht, einen anderen Menschen zu gewinnen, kämpft mit der Angst, ausgenutzt zu werden.
Die Gruppe ist eine Hilfe, sich von Autoritäten abzulösen und eigene Wege zu gehen. Manche Eltern sagen dann: ›Schlag dein Bett doch gleich im CVJM auf.‹ Gleichzeitig legt die Gruppe auch fest. Und der Glaube wird durch die Gruppe geprägt. Er wird von anderen übernommen. Fowler bezeichnet ihn als ›synthetisch-konventionellen‹ Glauben. Er wird aus eigenen, durch die Herkunft geprägten Überzeugungen und dem, was in der Gruppe gilt, zusammengesetzt (›synthetisch‹) und ist deshalb recht herkömmlich (›konventionell‹), auch wenn er einem selbst recht originell vorkommen mag.
Eine wichtige Frage für christliche Jugendarbeit ist: Wo verhindern wir durch die Berufung zum Glauben dieses Ausprobieren verschiedener Rollen? Oder: Wie könnte es gelingen, dass wir so zum Glauben berufen, dass das Vielfalt und unterschiedliche Rollen einschließt? Wer Jugendarbeit macht, sollte nicht nur neugierig auf die nächste Haarfarbe und das nächste Piercing sein, sondern auch zu einem Glauben ermutigen, der Zweifel einschließt und Infra-gestellungen erlaubt.
Die Risse in der Welt werden jetzt deutlicher wahrgenommen: Katastrophen, Bombenexplosionen in Israel, Kriege, Umweltprobleme. Die Welt zerreißt in unterschiedliche Wirklichkeiten. Die Dinge passen nicht mehr zusammen. Es entstehen Zweifel, weil es nicht mehr nur die eine ›heile Welt‹ gibt, sondern für jede Frage mindestens zwei Antwortmöglichkeiten. »Zweifel« kommt von »zwei-fältig«, »zwei-fach«. Es ist nicht mehr klar, dass Gott gut und lieb ist. Es könnte auch anders sein. Auf einmal werden dunkle Seiten an ihm sichtbar. Verstärkt wird das in der Lehre der Krankenschwester, wenn sie zum ersten Mal erlebt, wie ein krebskrankes Kind stirbt. Man sucht Antworten auf die Fragen und merkt früher oder später: Die Autoritäten widersprechen sich (Eltern, Jugendleiterin, Religionslehrer, ...) Autoritäten werden daran gemessen, ob sie glaubwürdig sind, Fehler zugeben können, etwas zu sagen haben, das im Leben trägt.
Junge Erwachsene – Intimität und Isolation
Die Adoleszenz (Junge-Erwachsenen-Alter) ist eine Abschieds- und Wartezeit. Der Teddy muss im Regal bleiben. Auch die Gruppe ist nicht mehr so gefragt. Die Adoleszenz ist Aufbruchs- und Umbruchsphase (Auszug, Wüstenzeit). Es ist der Aufbruch in das eigene Leben. Fowler bezeichnet diese Phase als ›individuierend-reflektierenden Glauben‹. Jetzt wird der Glaube zu etwas eigenem (falls er nicht verloren geht). Er verbindet sich mit der eigenen Persönlichkeit (›inividuierend‹). Das Autonomiebewusstsein erwacht (persönliche ›Aufklärungsphase‹). Unbewusstes oder bewusstes Kriterium (›reflektierend‹) für die Gestaltung des Glaubens ist die Frage, was im eigenen Leben trägt, weiterbringt, Geborgenheit und Orientierung gibt ...
Es gibt vor allem zwei Gründe, warum sich viele mit dem Glauben hier so schwer tun:
1. Gottesvorstellung und Autoritätserfahrung sind in der Kindheit nahezu untrennbar verbunden. Sich von den Autoritäten (Eltern, Jugendleiter, Lehrerin) zu lösen, heißt also, sich von Glaubensvorstellungen zu lösen (unbewusst). Eine wesentliche Frage für christliche Jugend-arbeit ist deshalb: Wie helfen Jugendleiterinnen und Jugendleiter Jugendlichen, sich von Au-toritäten zu lösen und eine eigene Ausprägung des Glaubens zu finden (hoffentlich das christ-lichen Glaubens, wobei das zum Glück nicht machbar ist)? Es geht nicht nur um die Ermutigung, sich von Eltern und Lehrern so zu lösen, dass sich das eigene Leben und der eigene Glaube entfaltet. Es geht auch um die Ermutigung, den Jugendleitern gegenüber zu einer eigenen Glaubensüberzeugung zu kommen. Dass pubertierendes Verhalten manchmal Schmerzen verursacht, muss ich nicht betonen. Manchmal dachte ich: ›Erst ermutige ich sie zu einer eigenen Meinung im Leben und Glauben ... und jetzt widersprechen sie mir dauernd!‹ Aber das will ich um der Jugendlichen willen aushalten.
2. Die Verdrängung, Nichtbeachtung oder Leugnung Gottes gilt seit der Aufklärung als ver-nünftig. Mittlerweile ist klar: Weder die Existenz noch die Nicht-Existenz Gottes kann ver-nünftig bewiesen oder widerlegt werden. Doch das Argument, dass der liebe Gott und die Vernunft nicht zusammenpassen würden, hat immer noch Gewicht.
Jugendliche und junge Erwachsene gehen ganz unterschiedlich mit dem Glauben um
Sich vom Glauben lösen
Die einen legen den Kinderglauben oder was davon übriggeblieben ist, bewusst oder unbewusst ab und setzen auf die Vernunft. Sie lösen sich von den Menschen als Autoritäten und – ohne sich das bewusst zu machen – auch vom Glauben. Wenn der verlorengegangene Glaube bewusst wird, wird das teilweise nachträglich mit scheinbar vernünftigen Argumenten gerechtfertigt. Hauptargumente sind: Nach Auschwitz kann man nicht mehr an den lieben Gott glauben. Warum lässt Gott das zu? Diese Argumente entstehen in der Regel an Enttäuschungen – nach dem Muster: ›Die Welt ist nicht mehr so heil, wie ich sie als Kind empfunden habe. Deshalb werde ich wütend.‹ Interessant ist, dass diese Zweifel fast nie bei positiven Über-raschungen entstehen, wenn ich z.B. ganz glücklich in meiner Freundschaft bin und jemand anderes nicht oder eine andere sich sehr nach einer Freundschaft sehnt. Bei der Ablösung vom Glauben kann auch eine Rolle spielen, dass Menschen – z.B. während Freizeiten oder in der Jugendgruppe – den Anspruch Gottes an ihr Leben entdecken und sich deshalb abwenden.
Den Glauben reduzieren
Manche reduzieren den Glauben auf anständiges Verhalten. Nach dem Motto: Christliches Verhalten – wie auch immer das konkret aussieht – ist vernünftig, der liebe Gott nicht. Andere reduzieren den Glauben auf ihre persönliche religiöse Erfahrung. Was dazu nicht passt, kann es nicht geben oder kann nicht richtig sein.
Dies und das verdrängen
Variante 1: Hier taucht der Glaube bei der Trauung oder Taufe der Kinder – in welcher Rei-henfolge auch immer – wieder auf. Mit Kindern wird gebetet. Solche Menschen protestieren heftig, wenn man sie als ungläubig bezeichnet. Sie haben nur keine Möglichkeit gefunden (oder finden wollen), ihren Glauben – entsprechend ihrem Erwachsensein – zu leben. Für die eigenen Kinder finden sie – ihren – Kinderglauben wieder angemessen.
Variante 2: Der Verlust des Kinderglaubens wird als Bedrohung erlebt. Menschen klammern sich an die Autorität Gottes. Die Probleme der Welt und des Glaubens verdrängen sie. Sie reden sich z.B. ein, dass Gott auch die Gebete erhört, die er nicht – erkennbar – erhört. Wenn nur richtig sein darf, was in der Jugendgruppe oder im Hauskreis gelernt wird, müssen die Probleme der Welt abgespalten werden.
Variante 3: Andere leben tagsüber in der Welt und abends in der Hauskreis-Geborgenheit als Fortsetzung des kuscheligen Jugendkreises. Sie entwickeln ›spirituelle Uterusgefühle‹ und möchten ›zurück in den Mamabauch‹ (Eckstein). Andere ordnen sich starken Persönlichkeiten unter – nach dem Motto: ›Da muss ich erst meinen Seelsorger fragen.‹
Variante 4: Viele verdrängen einen Teil in sich. Es lohnt sich, die folgenden Stichworte lang-sam zu lesen und in sich selbst nachzuspüren, was sich regt: Ängste, Aggressionen, Sexualität, Gier, Suchttendenzen, Trauer, Schmerz, Neid, Eifersucht ... Manchmal sind Verdrängungen nötig und gut und schützen uns. Das Ausmaß aber, in dem Christen verdrängen, halte ich für ziemlich schädlich. Und ich frage mich: Sind nicht die Verdrängungen die größte Sünde unter uns Christen, wenn wir nicht wahrhaben wollen, was auch zu uns gehört?! Gehört zum Glauben nicht, wahrhaftig zu werden?! Wie viel Energie muss für Verdrängungen aufgewendet werden! Und welch zerstörerische Kraft entfalten manche Gefühle und Impulse gerade, weil wir sie nicht wahrhaben wollen!
Leider haben wir in Mitteleuropa häufig nicht gelernt, Gefühle auszudrücken und genau zu unterscheiden. Das kann mit prägenden Sätzen zusammenhängen: ›Ein Junge weint nicht.‹ Das kann durch den Glauben verstärkt werden, wenn nur die sündige Seite der genannten Emotionen gesehen wird und die prägenden Sätze mit dem lieben Gott verstärkt wurden (›Das gefällt dem lieben Gott nicht, wenn du ärgerlich wirst.‹) oder im Jugendkreis entsprechende Normen aufgebaut wurden. Dann erscheint es am besten, man hat bestimmte »Dinge« nicht in sich hat (z.B. Neid, Aggressionen, Gier ...). So werden sie tabuisiert.
Bei diesen Verdrängungsvarianten spielen häufig Ängste mit. Angst vor Veränderungen, Angst vor Verlust. Wenn wir uns aber dem, was wir verdrängen, nicht nach und nach stellen, berauben wir uns selber wichtiger Entwicklungsimpulse.
Sich den Glauben aneignen und darin wachsen
Das führe ich in III. aus. Zunächst möchte ich den Blick auf biblische Entdeckungen zum Thema lenken.
Vielleicht fragen jetzt manche: Was bedeutet das alles für Menschen, die ohne Gläubigkeit und Gottesvorstellungen aufwachsen? Die Frage ist berechtigt und noch nicht beantwortet. Glaube wird in den Phasenbeschreibungen zwar allgemein als »Gläubigsein« verstanden und nicht als spezifisch christlicher Glaube. Dennoch sind die Forschungen im westeuropäischen und amerikanischen Kontext entstanden und setzen eine gewisse gegenseitige Durchdringung von Christlichkeit (zumindest in Restbeständen) und Gesellschaft voraus. Sie berücksichtigen die Entwicklung des Lebens und Glaubens, des Atheismus (als eine Form von Gläubigkeit oder gerade nicht) bzw. der religiösen Gleichgültigkeit in sozialistisch bzw. kommunistisch geprägten Gesellschaften nicht. Umso mehr gilt der Satz vom Anfang: Jede und jeder möge kritisch auswählen, was ihr und ihm hilft, sich selbst besser zu verstehen.
Biblische Entdeckungen
Die biblischen Texte zu »Wachsen« führen zu interessanten Entdeckungen. Ich nenne zunächst die Texte und leite anschließend wenige Leitsätze daraus ab.
In Matthäus, Markus, Lukas (ähnlich im AT) ist vor allem vom Wachsen in der Natur die Rede, z.B.: »Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen.« (Mt 6,28). Mit dem Wachsen der Samenkörner vergleicht Jesus das Reich Gottes (vgl. Mk 4 und Mt 13). Im Johannesevangelium heißt es: »Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.« (3,30, vgl. auch Joh 15: Christus als Weinstock, die Jünger als Reben, die gereinigt / beschnitten werden) Die Apostelgeschichte berichtet: »Das Wort Gottes wuchs und breitete sich aus...« (6,7; 12,24; 19,20)
Paulus u.a. schreiben: »Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen [Wachsen] gegeben. So ist nun weder der pflanzt noch der begießt etwas, sondern Gott, der das Gedeihen [Wachsen] gibt.« (1.Kor 3,6-7) »Der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit.« (2.Kor 9,10) »Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am andern hängt ..., wodurch jedes Glied das andere unterstützt nach dem Maß seiner Kraft und macht, dass der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe.« (Eph 4,15-16, ähnlich 2,21 und Kol 1,6.10; 2,19) »So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede und seid begierig nach der ver-nünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eu-rem Heil.« (1.Petr 2,1-2 - Zusammenhang: Haus der lebendigen Steine) »Wachset aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilands Jesus Christus. Ihm sei Ehre jetzt und für ewige Zeiten! Amen.« (2.Petr 3,18)
Daraus ergeben sich vier Leitsätze (zugleich die Gliederung für III.)
1. Gott ist der, der uns wachsen lässt: als Menschen, als Leib und Seele, als Glaubende.
2. Wachsen im Leben und im Glauben – geistlich wachsen – heißt: in der Selbsterkenntnis wachsen.
3. Geistlich wachsen heißt: in der Gotteserkenntnis wachsen.
4. Geistliches Wachsen, Gemeinde Jesu und Liebe (zur Welt) gehören zusammen.
Im Glauben (er)wachsen (werden) – lebendig werden und bleiben
Entscheidend ist für mich, dass wir unser Leben nicht abtöten, einschränken, um im Glauben besonders gut zu werden, sondern dass Glaube und Lebendigkeit unbedingt zusammengehören. Schließlich geht es ja um Erlösung und Befreiung. Das heißt doch: Durch den Glauben wird Leben geschaffen. Durch den Glauben wird das Leben aus dem befreit, was es bedrückt, einengt, ersticken will.
Nicht selten müssen auch bestimmte Elemente des Kinderglaubens zerbrechen, damit neues Leben entstehen kann, damit sich das Leben weiter entwickelt. Zugespitzt: Vielleicht muss uns Christus auch manchmal von unserer Art zu glauben erlösen.
Gott ist der, der uns wachsen lässt – oder: Wachsen braucht Zeit
Die biblische Entdeckung ist: Gott ist der, der uns wachsen lässt: als Menschen, als Leib und Seele, als Glaubende. Wir können säen, begießen, pflegen, aber nicht Wachstum machen. Die geistliche Entdeckung dabei könnte sein: Wachsen geht nicht immer so schnell, wie ich es mir wünsche. Wachsen braucht Zeit. (Langsam wachsende Bäume sind stabiler als schnell wachsende.) Reinhard Deichgräber erzählt folgende Geschichte aus einer Hochzeitszeitung: »Als kleines Kind pflegte der Bräutigam die Briefe, die Vater oder Mutter geschrieben hatten, zum nahegelegenen Briefkasten zu bringen. Weil dieser aber zu hoch angebracht war, nahm der Junge ein Fußbänkchen mit und konnte so den Schlitz erreichen. Einmal aber blieb er ungewöhnlich lange aus, so dass sich die Eltern schließlich besorgt auf den Weg machten, um ihr Kind zu suchen. Sie fanden ihr Hänschen, die kleinen Arme mit dem Brief in der Hand nach oben ge-reckt, aber ohne das Bänkchen, das der Knabe vergessen hatte. Als sie ihn fragten: ›Aber Hänschen, was machst du denn da?‹, bekamen sie die schöne, etwas kläglich klingende Antwort: ›Ich wart’, dass ich wachs’!‹ « (aus R. Deichgräber: Stufen des Glaubens – Stufen des Lebens, 1999, S.14)
Selbsterkenntnis wachsen lassen
Die biblische Entdeckung ist: Geistlich wachsen heißt: in der Selbsterkenntnis wachsen. Die Selbsterkenntnis wächst durch ausdrückliche Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie (in der Seelsorge oder entsprechenden Seminaren). Sie kann auch durch Bibellesen und Beten wachsen. Dazu sind mir vier Punkte wichtig.
Menschlich in der Bibel lesen – anstreichen, was die Jünger falsch gemacht haben
In der 10. Klasse hatte ich einen Schulfreund, der ein Jahr zuvor zum Glauben gekommen war. Sein Problem: Nach einem Jahr hatte er immer noch häufig Streit mit seinen Eltern. Das ist in diesem Alter ja keine besondere Kunst. Und doch litt er darunter, dass sein lebendig gewordener Glaube sich nicht in Liebe oder wenigstens Großzügigkeit seinen Eltern gegenüber ausdrückte. Bei einer Jugendwoche sprach er mit einem Seelsorger. Der ließ sich die Bibel meines Freundes zeigen und seine Unterstreichungen und Anmerkungen. Das Ergebnis: Er hatte vor allem das angestrichen, was Christen tun sollen. Der Seelsorger empfahl im daraufhin, einmal die Evangelien mit folgender Fragestellung zu lesen: Was haben die Jünger alles falsch gemacht? Wo waren sie schwach? Wo ist ihnen ihr Werk misslungen? Wo sind sie gescheitert? Das alles sollte mein Freund mit einer bisher nicht verwendeten Farbe anstreichen. Schon bald war er entlastet. Es war für ihn tröstlich, dass die Jünger so vieles falsch gemacht haben. Und das Verhältnis zu seinen Eltern hat sich im Laufe der Zeit auch geklärt.
An einem Abschnitt aus dem Lukasevangelium lässt sich diese Änderung der Blickrichtung veranschaulichen (Lk 22,31-34). Jesus kündigt dem Petrus die Verleugnung an. Petrus fühlt sich stark. Jesus hat ihm gerade gesagt, dass er für ihn gebetet hat. Das aber hält Petrus nicht für nötig. Er ist bereit, mit Jesus ins Leiden zu gehen. Er ist bereit, sich gefangen nehmen zu lassen. Sogar den Tod will er auf sich nehmen. Auf diese mutigen Sätze antwortet Jesus: »Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennst.«
Dieses kleine Gespräch Jesu mit Petrus können wir aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Entweder – so geschieht es häufig – wir denken oder sagen: Ja, dem Petrus ist das passiert, dass er sich selber überschätzt hat. Er hat eine große Klappe. Und dann versagt er doch. Wir lernen daraus: Lasst uns den Mund nicht so voll nehmen – und lieber anschließend mutig sein und uns zu Jesus bekennen.
Wir könnten die Geschichte auch anders verstehen, nicht als eine Geschichte, aus der wir etwas lernen sollen, sondern als eine Geschichte, die sehr realistisch beschreibt, wie Jünger und Jüngerinnen Jesu, wie Christinnen und Christen heute sein können. Wir könnten also – das geschieht leider seltener – denken und sagen: Ja, so ist das mit uns Christen. Manchmal nehmen wir den Mund zu voll. Und unser Mut hält den Worten dann doch nicht stand. So sind wir Christen. Amen. Ein solcher Blickwinkel entlastet in der persönlichen Lektüre der Bibel genauso wie in der Verkündigung.
Die Bibel will menschlich gelesen werden. Die Evangelien und die Paulusbriefe berichten genauso wie alttestamentliche Erzählungen sehr realistisch von Menschen. Sie erzählen von ihrem Können genauso wie von ihrem Versagen, von ihrem Glauben genauso wie von ihren Zweifeln. So ist bei der Lektüre der Bibel genau darauf zu achten, was die entsprechenden Personen empfangen und was sie tun, wogegen sie sich auflehnen, woran sie zweifeln oder scheitern. (Weitere Impulse dazu finden sich in meinem Taschenbuch: Unsicher – und doch gewiss. Christsein in der Postmoderne, Neukirchen-Vluyn, 1999)
Es geht darum, biblische Personen menschlich anzuschauen und auf Idealisierung zu verzich-ten. Dazu helfen auch die Psalmen.
Psalmen - Aussprechen, was in uns ist
Die Psalmen helfen uns auszusprechen, was in uns ist: Unsicherheiten, Wünsche, Ängste, Sehnsüchte, Freude, Trauer, Neid, Versagen, Stolz. Das kommt besonders stark in den Ra-chepsalmen zum Ausdruck:
(1) »Hier werden die negativen Gefühle Ärger, Zorn und Wut zugelassen und zum Ausdruck gebracht. Es geschieht also nicht das, was die meisten unserer Gemeindeglieder aus ihren Herkunftsfamilien mitbringen, dass solche Gefühle frühzeitig unter Kontrolle gestellt, abge-wehrt und blockiert werden. Gerade die christliche Rede von der Vergebung hat hier zum Teil verheerend gewirkt, weil sie einsetzte, bevor aufkommender Ärger auch nur angemessen gespürt, geschweige denn ausgesprochen und ausgetragen werden konnte. Aber unterdrückter Ärger und niedergehaltene Wut sind eben nicht weg. Sie bleiben, sie schwelen weiter ... Die heilsame Botschaft der Rachepsalmen lautet: Ärger und Wut dürfen gespürt und ›herausgelassen‹ werden ...«
(2) »Eine besonders verbreitete Weise, sich in seinem Ärger zu blockieren, lässt sich in dem Satz bündeln: ›Man muss immer beide Seiten sehen.‹ Als abstrakte und an einen Außenbeobachter gerichtete Forderung ist der nicht falsch. Aber im Konflikt wirkt er verhängnisvoll, wenn er verhindert, eine eigene Sichtweise einzunehmen und zu einem eigenen Standpunkt zu stehen. ... Die Psalmbeter ... gestehen sich zu, die Lage ganz einseitig zu sehen, zu bewerten und auszusprechen.«
(3) »Rachepsalmen sind Gebete. Darin liegt für mich ihre stärkste Botschaft: Der Glaube muss nicht dafür herhalten, Ärger, Wut und Aggression schamhaft oder ängstlich zu verdrängen, wir dürfen vielmehr mit unserer Wut, ja sogar mit unseren Vernichtungsphantasien vor Gott treten.« (Peter Bukowski: Die Bibel ins Gespräch bringen. Erwägungen zu einer Grundfrage der Seelsorge, S.74-76)
Psalmen verwandeln, was uns zu erdrücken droht
Ingo Baldermann, Religionspädagoge aus Siegen, suchte nach Bibelworten, die Kinder im Religionsunterricht unmittelbar ansprechen konnten. »Dabei stieß ich auf Worte der Psalmen, die mich in kritischen Augenblicken ansprachen, und zwar nicht nur so, dass ich ihnen eine kritische Einsicht entnehmen konnte, die ich dann auf mich selbst anzuwenden hätte, sondern sie sprachen ganz direkt und unmittelbar zu mir, und zwar mit einer solchen Kraft, dass sie tatsächlich etwas veränderten.« Sie gehen nicht nur in den Kopf, sondern ins Herz, in die See-le, ins Innere. Sie sprechen Gefühle an. Sie ermutigen, geben Zuversicht und wecken Hoffnung. Sie verwandeln, was uns zu erdrücken droht. »›Meine Zeit steht in deinen Händen‹ (Ps 31,16) war ein solches Wort, das mitten in der Angst wieder Luft zum Atmen gab, oder: ›Ich werde nicht sterben, sondern leben.‹ (Ps 118,17), oder auch dies: ›Den Abend lang währt das Weinen, aber des Morgens ist Freude!‹ (Ps 30,6). Das waren Worte, die die Kraft hatten, die Dämonen zu vertreiben, die sich mir nachts auf die Brust setzten.« (Baldermann, Psalmen, in: Christian Möller, Geschichte der Seelsorge, Band 1, S.24)
(5) Gefühle unterscheiden lernen Die Vielfalt in der Bibel zu entdecken – in den Geschichten und in den Psalmen – steht in Wechselwirkung damit, dass wir die Vielfalt in unserem Leben zulassen.
Dazu gehört, dass wir Gefühle unterscheiden. Gefühle unterscheiden lernen scheint eine der Hauptaufgaben in der Entwicklung eines Menschen zu sein. Gefühle unterscheiden lernen heißt Leben; Gefühle nicht unterscheiden lernen heißt Lebendigkeit begrenzen. Deshalb finde ich es besonders schrecklich, wenn mit dem Glauben Gefühle unterdrückt werden, wo der Glaube doch Leben schenken will.
Zur Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie gehört auch: Die Zeiten unterscheiden lernen, in denen unterschiedliche Gefühle dominieren. ›Alles hat seine Zeit.‹ Und mit jedem Erleben und Verhalten sind unterschiedliche Gefühle verbunden (Prediger 3,1-8): »Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhö-ren zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.«
Die Gotteserkenntnis weiten
Die biblische Entdeckung ist: Wachsen im Leben und im Glauben – geistlich wachsen – heißt: in der Gotteserkenntnis wachsen. Das geschieht manchmal ganz vor selber, wenn manche unserer (Wunsch-)Gottesbilder zerbrechen und wir auf die Suche gehen müssen, was biblisch wirklich trägt.
Wir können auch aktiv dazu beitragen und unseren begrenzten Vorstellungsrahmen zu sprengen, indem wir in der Bibel auf die Suche nach neuen Entdeckungen gehen. Am einfachsten ist es vielleicht, bei Jesus anzufangen. Dabei geht es nicht um immer bessere Christuserkenntnis, um immer richtigere Einsichten, sondern darum, dass wir die Vielfalt zulassen, von der uns die Bibel berichtet: So verflucht Jesus z.B. den Feigenbaum, obwohl der gar nichts dafür kann, dass er jetzt keine Früchte trägt. Jesus reinigt aufgebracht und zornig den Tempel (Mk 11,12-25). Er heilt die sog. ›blutflüssige Frau‹ und lobt ihren Glauben, obwohl ihre »magischen« Erwartungen nichts mit Rechtgläubigkeit zu tun haben (Mk 5,24-34). Er macht Wasser zu Wein, obwohl das nun wirklich nicht zur Rettung oder Heilung eines Menschen beiträgt, sondern einfach die Freude am Leben steigert (Joh 2,1-12). Er lässt die Jünger im Boot mitten in der Nacht und im Sturm allein und lässt sich erst gegen Morgen sehen (Mt 14,22-33). Er steigt nicht vom Kreuz und zerschlägt damit die Erwartungen und Hoffnungen der Jünger ...
Den eigenen Platz in der Gemeinde finden und Verantwortung übernehmen
Die biblische Entdeckung ist: Geistliches Wachsen, Gemeinde Jesu und Liebe (zur Welt) gehören zusammen. Wachsen gelingt nicht allein, wir sind auf Gemeinschaft angewiesen, auf Lob und Kritik, auf gegenseitige Ansteckung und Ermutigung zum Glauben, auf Trost und Geborgenheit. Wir wachsen innerhalb einer christlichen Gemeinschaft auch wegen der Unterschiede, Konflikte und Verletzungen, weil wir uns dabei selber ziemlich gut kennen lernen und geistliches Leben einüben können. Und wir wachsen, wenn wir Verantwortung übernehmen, weil dann sichtbar wird, wie weit das trägt, was wir glauben.
- Zum Schluss wünsche ich
- den Ungeduldigen Geduld,
- den Faulen Aufbruch,
- den Zögerlichen Entschlossenheit,
- den resignierten Hoffnung und
- den Kämpfern Entspannung.
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