Soloalbum (Stefan Mergenthaler)
aus 18plus, alles für die Arbeit mit jungen Erwachsenen
Benjamin von Stuckrad-Barre „Soloalbum“
| Soloalbum | |
|---|---|
| Autor | Stefan Mergenthaler |
| Erscheinungsdatum | 2005 |
| Publikation | 18plus |
| Kategorien | |
Lizenzbestimmungen: Alle Rechte vorbehalten.
Inhaltsverzeichnis |
Benjamin von Stuckrad-Barre „Soloalbum“
Benjamin von Stuckrad-Barre beschreibt aus der Ich-Perspektive die Leiden eines jungen Mannes Anfang zwanzig, dessen Freundin gerade mal wieder mit ihm Schluss gemacht hat. Per Fax! Nett, oder? Das stürzt die Hauptfigur in eine tiefe Krise. Er kann nicht verstehen, dass seine Traumfrau Katharina ihn, den unwiderstehlichsten von allen Männern und gleichzeitig das Zentrum der Welt, verlassen konnte. Erschwert wird die ganze Situation dadurch, dass er, je länger er über sie nachdenkt, seine Liebe zu ihr immer mehr entdeckt und immer weniger bekämpfen kann. Monatelang trauert er der Verflossenen hinterher und kriegt sein Leben nur schwer in den Griff. Zwischen Alkohol, Koks und Oasis versucht er verzweifelt, seine große Liebe zurück zu gewinnen. Dabei muss er einen Rückschlag nach dem anderen einstecken. Natürlich bleibt sein Werben um sie erfolglos und in Zeiten, in denen er das einsieht, geht es auch immer wieder etwas aufwärts. In seinem Kampf durch den Alltag durchlebt der vom Liebeskummer totalverblendete Musikfanatiker skurrile Erlebnisse und bizarre Begegnungen mit den absonderlichsten Personen. Er findet an jedem etwas auszusetzen und lässt die anderen seine Missachtung meistens auch spüren. Trotzdem gerät er gelegentlich in engere Kontakte zu einzelnen Menschen und bringt diesen in Einzelfällen sogar so etwas wie Respekt entgegen. Letztlich landet er aber doch immer wieder bei sich selbst – und seinem Hängen an Katharina.
Stuckrad-Barre schreibt einfach das, was er denkt, und zwar in dem flow, in dem ihn die Gedanken überkommen. Diese Gedankenschwälle können bisweilen nahe an eine humoristische Reizüberflutung des Lesers heranreichen. Allerdings schwanken sie stellenweise auch zwischen Verkrampfung und Belanglosigkeit, weshalb das Buch sich stellenweise sehr träge liest. Die recht kurzen Kapitel und die handlungsintensive Struktur (kurz bevor man das Buch weglegt passiert dann doch immer wieder etwas neues Interessantes) animieren aber dazu, doch noch ein Stück weiter zu lesen.
Seine Sprache passt Stuckrad-Barre in seinem bestverkauften Buch an die verzweifelte Situation der Hauptfigur an. An vulgären und teils ordinären Ausdrücken wird nicht gespart. Auch wenn er dabei oftmals zu weit geht und die verwendeten Bezeichnungen flach und äußerst konstruiert wirken, prägt doch die direkte Verschriftung seiner Gedanken den Stil des Buches. Dabei wird der feine, pointierte und punktgenau angesetzte Humor deutlich. Man muss einfach laut auflachen, wenn der Protagonist so ein paar Möchtegerns mit ein paar hohlen Schlagwörtern zutextet und die ihm das Gelaber auch noch abkaufen. Genial, weil einfach! In Vielem erkennen Leser aus dieser Generation sich wieder. So zum Beispiel, wenn er darüber mutmaßt, dass die Dekorationen der musikalischen Acts in „Wetten dass…?“ noch in zehn Jahren alte Pappmaché-Autowracks sein werden, aus denen Nebel quillt und bei denen sich ein Scheibenwischer noch bewegt. Darüber hinaus verarbeitet und bewertet er zeitgeschichtliche Ereignisse, die seine Generation prägten, wie Elton Johns Erfolg mit „Candle in the wind“ nach dem Tod von Lady Di. Und bisweilen wird man auch mit ganz alltäglichen Beobachtungen erfreut, wie zum Beispiel der, dass ein Bus von außen wie ein Aquarium aussieht. Stimmt eigentlich. Schmunzeln, nicken, weiter lesen! Mit zahlreichen Wortspielen angereichert werden auf diese Weise Eindrücke und Situationen lebensnah geschildert und mal abgesehen von der Kokserei kann man sich da ziemlich gut hineinversetzen. Mit der Zeit könnte man sogar Mitleid mit der tragischen Figur bekommen, jedoch wird dieses dann schnell von einer Verwunderung über die Abartigkeit der Hauptperson verdrängt. Am Ende jeden Kapitels ist man gespannt, was im nächsten wieder so schief geht. Etwas nervig sind für Nicht-Oasis-Edelfans allerdings die immer wiederkehrenden Aufzählungen der besten Songs der Weltgeschichte, von denen der Durschnittsleser ziemlich genau gar keinen kennt. Aber auch da beißt man sich durch.
Mein Tipp: Lesen! Vor allem als Member der Generation Golf kommt man hier auf seine Kosten. Wer eine Trennung hinter sich hat, wird durchaus lebensnah geschilderte Elemente wieder entdecken können. Man darf allerdings nicht zu zart besaitet sein, denn der Autor haut manchmal ganz schön rein. Also, vielleicht nicht direkt in oder nach einer Beziehungskrise, sondern mit etwas Abstand lesen. Stuckrad-Barres „Soloalbum“ ist die Verarbeitung eines, nein, vieler persönlicher Tiefschläge, die ein Mittzwanziger unserer Zeit bei der Entdeckung der Welt und des eigenen Lebens durchmachen muss. Es zeigt eine zwar zweifelhafte, aber durchaus belustigende Möglichkeit, mit den Widrigkeiten des Lebens in dieser Phase umzugehen. Zur Nachahmung würde ich diese nicht empfehlen, zum Lesen schon. Denn: Wer über die jämmerlichen Lebensbewältigungs-Versuche anderer lacht, der schmunzelt vielleicht auch irgendwie über seine eigenen!
Stefan Mergenthaler, Juni 2005
Identität/Glaube
Arbeitswelt
Wohnsituation
Finanzen
Partnerschaft
Soziales Netz
Herkunftsfamilie
Freizeit
Politik