Unterwegs in die zukünftige Stadt (Peter Rostan)
aus 18plus, alles für die Arbeit mit jungen Erwachsenen
„GUTE GRÜNDE FÜR DEN GLAUBEN“ – UNTER DIESEM MOTTO ARGUMENTIERT PETER ROSTAN FÜR DEN CHRISTLICHEN GLAUBEN
| Unterwegs in die zukünftige Stadt | |
|---|---|
| Autor | Peter Rostan |
| Erscheinungsdatum | |
| Publikation | 18plus |
| Kategorien | |
Lizenzbestimmungen: Alle Rechte vorbehalten.
Inhaltsverzeichnis |
Unterwegs in die zukünftige Stadt
„Ein feste Burg ist unser Gott…“. Die Kantorei schmettert mit entsprechendem Tremolo die Protestantenhymne in die schmucke Barockkirche, üppig ausgestattet mit Lüstern und Blattgold. Die Gemeinde lauscht ehrfurchtsvoll auf warmen Sitzkissen.
Man kann schon nachdenklich werden, wenn man die wohlgenährten Sänger voll Inbrunst Luthers Lied singen hört mit dieser vierten Strophe: „Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, laß fahren dahin,…“.
Steile Worte. Die Sänger sehen jedenfalls nicht so aus, als würden Sie ohne weiteres Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib sausen lassen, wenn nur das Reich Gottes zur Geltung kommt.
Nicht jeder ist ein Franz von Assisi und bereit, notfalls seine Ehe und seine Familie über Bord zu werfen, weil das ohnehin alles nur unnötiger Ballast auf dem Weg in den Himmel ist. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“, heißt’s von den Christen im Hebräerbrief.
„LASS FAHREN DAHIN“
Ist ohnehin alles zweitrangig und unwichtig, wenn nur das Reich Gottes zur Geltung kommt? Fast könnte man´s meinen. Lebt am besten so, als hättet ihr nicht, schreibt Paulus im 7. Kapitel des 1.Korintherbriefs. Es gibt wichtigeres im Leben, also sollt ihr das, was ihr habt, nicht zu hoch hängen. Alles, was einem lieb und teuer ist, steht plötzlich auf dem Prüfstand. Alles bekommt bei Paulus das Etikett: „Nur zweite Wahl!“. Hier können wir uns nicht gemütlich zurücklehnen wie beim Lesen eines Romans, hier kommen wir nicht dran vorbei, Stellung zu beziehen. „Haben, als hätten wir nicht“ – wollen wir das überhaupt?
AUF GEHT’S, FLUCHT IN DEN HIMMEL!?
Wären wir Buddhisten, dann wäre die Antwort klar. Dann ist der Himmel deckungsgleich mit der größtmöglichen Distanz zu den irdischen Dingen. Je mehr sich der Mensch äußerlich wie innerlich loslöst von seinem Besitz, von seiner Familie, ja sogar von seinen Gefühlen, desto eher erreicht er das religiöse Ziel des Nirvana. Dort, in der absoluten Meditation, erlebt er vollkommene Freiheit und Bindungslosigkeit. Seine Seele ist eins geworden mit dem All.
In der Geschichte der christlichen Kirche findet sich immer wieder diese Haltung. Markige Asketen lebten jahrelang auf ausgesetzten Säulen oder in dunklen Erdlöchern. Demonstrativ brachten sie ihren Abstand von der Welt zum Ausdruck.
Schade nur, dass dieses Nirvana für einen ernsthaften Buddhisten praktisch unerreichbar ist. Wer kann sich schon vollständig aus seiner Welt herausmeditieren?
Aber vielleicht sollten wir’s halten wie die einst so bewunderten Stoiker. Die römische Antike staunte über diese besonders charakterfesten Typen, die auch bei den schlimmsten Stürmen um sie herum innerlich ruhig und unbewegt blieben. Wer etwas auf sich hielt, der ging zu allem, was das Gemüt angreifen könnte, auf vornehme Distanz. Man enthielt sich von irdischen Dingen, und lächelte milde über diejenigen, die sich immer noch vereinnahmen ließen von ihren Alltagsbelangen.
Auch hierfür gibt es unter Christen genügend Beispiele, Leute die auch im Fußballstadion nie aus sich herausgehen. Wo steht geschrieben, dass wir Christen besonders verklemmt und gefühlsarm sein sollen?
Der Rat des Paulus
Der Apostel Paulus bringt’s mal wieder auf den Punkt: Er schreibt (1.Kor 7): „ Die Zeit ist kurz. Deshalb sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; die weinen, als weinten sie nicht; die sich freuen, als freuten sie sich nicht; die kaufen, als behielten sie es nicht….“ Das ist es: Die Zeit ist kurz! Macht euch klar, dass die Uhr tickt – und irgendwann abläuft! Es geht nicht um irgendwelche Meditationsregeln, auch nicht um einen Rückzug aus der Welt, sondern um ein grundlegende Einsicht. Paulus sagt: Lebt nicht nur gedankenlos vor euch hin, sondern habt den Faktor Zeit vor Augen! Diese Welt, in der ihr lebt, ist nicht ewig. Noch konkreter: Euer eigenes Leben dauert nicht ewig. Es vergeht – und das kann sehr schnell passieren!
Begrenzte Zeit
Nun gibt es Zeitgenossen, die setzen diese Einsicht auf ihre Weise um. Sie sagen: Dann mal los. Die Zeit ist begrenzt. Es ist fünf vor zwölf. Jetzt müssen wir herausholen, was herauszuholen ist. „Carpe Diem“ heißt die Devise, kauft den Tag aus. Verpass deine Chancen nicht.
Andere versuchen dann eifrig etwas über die Schwelle des Todes hinüber zu retten. Sie investieren in ein Haus, dass sie um Jahrzehnte überlebt, pflanzen einen Baum, der späteren Generationen Schatten bietet, suchen in ihren Kindern den Sinn ihres Lebens.
Nichts gegen die Suche nach bleibenden Werten und auch nichts gegen einen intensiven Lebensstil - für uns Christen ist das Thema damit aber noch längst nicht erschöpft. Fünf vor Zwölf heißt für uns nicht „Fünf Minuten vor Mitternacht, kurz vor dem Ende“, sondern „Fünf Minuten vor dem Datumswechsel, kurz vor dem Anfang eines neuen Tages“.
Wir laufen nicht auf eine Wand zu, an der wir irgendwann zerschellen, sondern wir sind unterwegs hin zu einer offenen Tür in einen neuen Raum hinein. Der auferstandene Herr kommt auf uns zu. Er erwartet uns von vorne, jeden einzelnen, der zu ihm gehört, und die Welt als ganzes.
Haben, als hätte man nicht …
"Haben, als hätten wir nicht". Paulus meint: Ja, ihr habt etwas. Ihr steckt drin in Gefühlen und Erlebnissen, ihr habt Verantwortung für eure Familien, erlebt die Liebe zu einer Frau oder einem Mann, freut euch an schönen Möbeln oder bewegender Musik, an dem Lachen eurer Kinder und einer beeindruckenden Natur. Aber ihr habt es weiß Gott nicht nötig, das alles für die letzte Realität in eurem Leben zu halten! Ihr habt es nicht nötig, euch verkrampft daran zu klammern, dass hier und jetzt alles perfekt sein muss. Ihr könnt auch loslassen, braucht nicht ständig zu fürchten, im Leben zu kurz zu kommen. Ihr könnt haben, als hättet ihr nicht.
… im Umgang mit Menschen, Gefühlen und Gegenständen
Wer von der bevorstehenden Ewigkeit weiß, der hat Zeit, auch in seinen Beziehungen. Der muss nicht klammern, lässt seinem Partner genügend Luft zum Atmen, nimmt den anderen nicht gedankenlos in Anspruch. Ein heilsamer Abstand entsteht. „Haben, als hätte man nicht“ lässt den anderen viel bewusster erleben, er wird nicht wie ein Einrichtungsgegenstand behandelt, den man „hat“.
Paulus erwähnt in seinem denkwürdigen Zitat dann auch gesondert die Gefühle: „die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht“, schreibt er. Er meint nicht die Haltung der Stoiker: möglichst gefühlsarm durch’s Leben zu gehen. Im Gegenteil, an anderer Stelle fordert er uns geradezu auf, voll Anteilnahme mit den Weinenden zu weinen und voll Begeisterung mit den Fröhlichen mitzufeiern (Röm 12,15).
Aber er trifft mit seiner Aufforderung einen wunden Punkt auch der heutigen Christenheit: Wo die Argumente ausgehen, wird auf Gefühle gesetzt - man erforscht seine Gefühlswelt, fragt mit großer Energie, was einem jetzt wohl noch „gut tun“ könnte, beschäftigt sich in aller Ausführlichkeit mit sich selbst – und merkt gar nicht, wie die eigene Gefühlswelt zum Lebensmittelpunkt wird. Wer wie Paulus sein Leben nach dem kommenden Herrn Jesus Christus ausrichtet, der merkt, wie befreiend es wirken kann, einmal von sich selbst weg auf ihn hin zu sehen.
Und dann noch die Gegenstände: „Die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht“. Paulus fordert uns hier nicht auf, im normalen Alltag ständig mit schlechtem Gewissen herumzulaufen und den Kontoauszug oder den Bausparvertrag als etwas Verunreinigendes anzusehen. Christen sind nicht darin besonders fromm, dass sie nur noch halbherzig mit den sogenannten weltlichen Dingen umgingen.
Aber was wäre gewonnen, wenn die Leute von uns Christen sagten: „Diese Menschen sehen ihren Sinn nicht in ihrem Haus, nicht in ihrem Vorgarten, diese Menschen leben aus einer anderen Quelle. Sie können nicht nur haben, sie können auch verzichten!“.
Wir haben uns in dieser Welt ganz gut eingerichtet. Das ist sicher kein Fehler Niemand soll sich das Leben künstlich schwer machen. Nur, der Liedermacher Manfred Siebald hat schon recht, wenn er einmal über uns Christen sang: „Wir rufen laut, „Herr, komm doch wieder!“ – und denken leise „Jetzt noch nicht!“.
Wie anders sah es vor gut 300 Jahren bei den italienischen Waldensern aus. Sie wurden als evangelische Christen von den französischen und savoyischen Fürsten bis aufs Blut verfolgt und konnten ihre Gottesdienste nur im Geheimen feiern. Wenn sie sich oben in den Bergen in verborgenen Höhlen trafen, dann sangen sie voll Vorfreude auf den kommenden Herrn immer wieder jenes Lied von der festen Burg, die unser Gott ist. Sie wussten, was sie damit meinten, als sie in der vierte Strophe sangen:
Er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben. Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: laß fahren dahin, sie haben's kein' Gewinn, das Reich muß uns doch bleiben.
Identität/Glaube
Arbeitswelt
Wohnsituation
Finanzen
Partnerschaft
Soziales Netz
Herkunftsfamilie
Freizeit
Politik