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Will der zornige Gott Blut sehen (Peter Rostan)

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Muss das sein? Warum lässt Gott seinen Sohn leiden?


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Inhaltsverzeichnis




Glaube an Gott, Jesus und so - schön und gut. Aber die Sache mit dem Kreuz ist ja wohl geschmacklos, etwas für religiöse Masochisten. Mir will das nicht in den Kopf, dass ausgerechnet eine grausame Exekution eine positive Bedeutung haben soll. Wenn schon Gott etwas für mich tun wollte, warum muss er dann seinen Sohn qualvoll sterben lassen?”. Der Medizinstudent, der in dieser Weise auf mich einredete, spricht für viele. Wer kann schon genauer sagen, was dort auf Golgatha passiert ist?

WILL DER ZORNIGE GOTT BLUT SEHEN?

Viele deuten das Kreuz mit einer grausigen religiösen Theorie. Sie stammt ursprünglich aus dem Frühmittel¬alter (Anselm von Canterbury, „Cur Deus Homo“). Danach musste Jesus sterben, damit Gottes Zorn über die bösen Menschen besänftigt wird. Der zornige Gott will Blut sehen, um Genugtuung zu haben. Er braucht dafür ein Menschenopfer. Aber weil in Gott nicht nur Zorn, sondern auch Liebe ist, hat er sich selbst seinen eigenen Sohn geopfert.

Gott sei Dank wird in der Bibel anders über Gott geredet. Dass ein beleidigter Teil Gottes so etwas wie Genugtuung brauche, ist ein Überbleibsel aus dem heidnischen Opferkult. Mit der Bibel hat das wenig zu tun. Paulus, der am ausführlichsten das Geheimnis des Kreuzes deutet, redet nirgends davon, dass Gott durch ein Opfer versöhnt werden müßte. Im Gegenteil, durch den Tod Jesu wollte und will Gott uns Menschen mit ihm versöhnen (2.Kor. 5,19; Röm 5,10). Er liefert sich in seinem Sohn uns aus, so als ob er uns sagen wollte: “So viel wert seid ihr mir. Ich riskiere alles für euch, damit ihr’s endlich schnallt: Ihr braucht nicht weiter vor mir wegzulaufen”. Das Kreuz ist eine unmißverständliche Geste Gottes, dass er bis zum Äußersten geht. Er will um unser Vertrauen werben, sprich: uns mit ihm versöhnen.

In einem Vorabendkrimi hatte sich ein Amokläufer mit einigen Geiseln in einer alten Fabrik verschanzt. Draußen ein Heer von Polizisten in kugelsicheren Westen, drinnen der verzweifelte Kerl, der niemandem mehr traut außer sich selbst. Eine festgefahrene Situation. Bis ein einzelner Polizist unbewaffnet ohne Schutz in das Haus geht und “face to face” mit ihm redet.

Der Krimi war unrealistisch. Keiner würde das riskieren. Aber die Szene gibt ein gutes Bild für das, was am Kreuz geschehen ist. Gott geht durch seinen Sohn aufs Ganze. Er liefert sich ungeschützt aus. Er erreicht damit werbend uns Menschen, die sich verschanzt haben und niemandem mehr trauen außer uns selbst…

DES TODES TOD

Aber das Kreuz ist noch mehr als nur eine riskante Geste, die um neues Vertrauen wirbt. Dort ist etwas geschehen, das wir gedanklich nicht greifen können. Paulus spricht deshalb von einem “Geheimnis” (1.Kor 2,1). Denn wer will schon ganz verstehen, wie der Tod Jesu zugleich unser Tod ist und wie seine Auferweckung zugleich unser Neuanfang ist? Wir sind “mit Christus gestorben”, so formuliert der Apostel (Röm 6,8) diesen schwer faßbaren Gedanken.

Kein Problem betrifft die Menschheit so radikal und unnachgiebig wie der Tod. Wer einmal einen Sterbenden begleitet oder von jetzt auf gleich einen guten Freund verloren hat, der weiß, wie gegenüber dem Tod plötzlich alle anderen Lebensthemen verblassen. Hier geht’s um den Sinn des Lebens überhaupt! Nur wer eine Antwort auf die Frage nach dem Tod hat, hat auch zum Sinn des Lebens etwas zu sagen.

Gott hat am Kreuz den Tod besiegt, indem er ihn erlitt - eine paradoxe Aussage! Er ist in die tiefste Dunkelheit hineingegangen - dorthin, wo er eigentlich nicht hingehört -, um bis in den letzten Winkel unseres Lebens zu gelangen. Gott ist “hinabgestiegen in das Reich des Todes” - um dort dieses “Reich” aufzubrechen und zu überwinden. Durch Kreuz und Auferweckung wurde der Tod getötet. Er hat nicht mehr das letzte Wort. Alles, was das Leben tötet (biblisch die “Sünde”), hat kein letztes Recht mehr.

Die “Sache mit dem Kreuz” bleibt geheimnisvoll. Aber es lohnt sich, dran zu bleiben. Weil jeder irgendwann ins Staunen kommt. Und dankbar wird. Peter Rostan, Pfarrvikar., Ohmden